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Infrastruktur und Entsorgung: Die Profiteure des nuklearen Aufschwungs

Liebe Community,


dort, wo der Hunger nach Energie durch Kernkraft und die neue Generation der Small Modular Reactors (SMRs) gedeckt wird, entsteht zwangsläufig ein massiver Wachstumsmarkt für nachgelagerte Dienstleistungen.

Das betrifft vor allem die Nuklearentsorgung, den fachgerechten Rückbau alter Anlagen und das Recycling von Brennstoffen und Wasser.

Da es derzeit keinen reinen „Atommüll-ETF“ gibt (zumindest ist er mir nicht bekannt), müssen wir Anleger auf spezialisierte Einzelwerte setzen, die in der Entsorgung von Uran und kontaminierten Komponenten (u.a. Wasser) weltweit führend sind.


1. Die operativen Schwergewichte für Rückbau und Entsorgung


  • Veolia ($VIE (+1,71 %)
    ): Obwohl Veolia primär als globaler Umweltdienstleister wahrgenommen wird, betreiben sie mit Veolia Nuclear Solutions eine hochgradig spezialisierte Sparte. Als Weltmarktführer in der robotergestützten Reinigung und im Rückbau hochradioaktiver Standorte (wie in Fukushima) sind sie unverzichtbar. Sie bieten Technologien zur Verglasung von Abfällen („Vitrifizierung“, Verwandlung von flüssigen oder festem Atommüll in einen massiven Glaskörper) sowie zur Wasseraufbereitung in kontaminierten Gebieten an. Damit schlägt Veolia die Brücke zum klassischen Wasser-Geschäft und deckt im Portfolio zwei entscheidende Bereiche gleichzeitig ab.


  • Fortum ($FORTUM (-8,16 %)
    ): Der finnische Energiekonzern ist ein versteckter Champion der Nuklear-Nachsorge. Neben dem Betrieb von Kraftwerken bietet Fortum spezialisierte Dienstleistungen zur Reinigung radioaktiver Flüssigkeiten (NUKEM-Technologie) und zur Endlagerung an. Sie sind ein wichtiger Akteur für europäische Entsorgungsstandards.


  • Jacobs Solutions ($J (-8,33 %)
    ): Der US-Gigant für Ingenieursdienstleistungen managt bedeutende staatliche Nuklearstandorte wie Sellafield (UK) oder Hanford (USA). Ihr Fokus liegt auf dem Programmmanagement für die langfristige Lagerung von Brennelementen. Besonders spannend ist der SMR-Bezug: Jacobs berät bereits heute zahlreiche Entwickler bei der Planung des gesamten Lebenszyklus inklusive der Entsorgung.


  • Perma-Fix Environmental Services ($PESI (-4,56 %)
    ): Perma-Fix gilt als einer der wenigen echten „Pure Plays“. Das Unternehmen betreibt eigene Anlagen zur Behandlung nuklearer und gemischter Abfälle. Deren Kernkompetenz liegt darin, das Volumen von Atommüll massiv zu reduzieren, bevor dieser in ein Endlager überführt wird.


2. Der Brennstoffkreislauf: Cameco und Westinghouse


Cameco ($CCO (-1,57 %)
) ist primär als Uranförderer bekannt, hält jedoch gemeinsam mit Brookfield Asset Management die Mehrheit an der Westinghouse Electric Corporation (Elektrotechnik). Damit deckt das Unternehmen den kompletten Kreislauf ab:


  • Operatives Geschäft: Cameco produziert Uran-Konzentrat (Yellowcake), während Westinghouse die Reaktortechnik und Wartung liefert.


  • Entsorgungs-Expertise: Über Westinghouse deckt Cameco das lukrative „Backend“ ab. Dies umfasst die Dekontamination von Prozesswässern sowie die Konditionierung und Volumenreduktion radioaktiver Abfälle.


  • Rückbau-Service: Als technologischer Marktführer bietet das Gespann Lösungen für den Rückbau (D&D) von Altanlagen an, wobei spezialisierte Filtersysteme zur Reinigung kontaminierter Flüssigkeiten zum Einsatz kommen.


  • Marktmodell: Der Absatz erfolgt stabil über langfristige Lieferverträge. Die Service-Sparte macht das Unternehmen unabhängiger von Uranpreisschwankungen, da die Wartung und Abfallbehandlung gesetzlich vorgeschriebene Daueraufgaben sind.


Energy Fuels ($UUUU (-5,03 %)
): Dieses Unternehmen besetzt eine strategische Nische. In ihrer White Mesa Mill gewinnen sie Uran aus Reststoffen und Abfällen anderer Industrien zurück. Damit positioniert sich Energy Fuels als Pionier im „Uran-Recycling“, was die Abhängigkeit von Primärförderung reduziert und Abfallströme ökonomisch nutzbar macht.


3. Spezialmaterialien und Wassertechnologie


In der Nuklearindustrie ist Wasser nicht nur Kühlmittel, sondern oft auch Transportmedium für Kontaminationen. Hier kommen die Technologieführer ins Spiel:


  • Xylem Inc. ($XYL (-0,47 %)
    ): Als reiner Wassertechnologie-Konzern liefert Xylem die hochbelastbaren Pump- und Filtrationssysteme, die für die Kühlkreisläufe moderner Reaktoren und die anschließende Abwasserreinigung essenziell sind.


  • Danaher Corporation ($DHR (-2,28 %)
    ): Über die ausgegliederte Umweltsparte Veralto bietet Danaher hochpräzise Analyseinstrumente zur Überwachung der Wasserqualität an – eine kritische Komponente, um Leckagen und Kontaminationen in Echtzeit zu detektieren.


  • Umicore ($UMI (-3,25 %)
    ): Der Materialtechnologie-Konzern verfolgt ein „Closed-Loop“-Modell. Langfristig könnte die Expertise bei der Rückgewinnung von Metallen aus komplexen industriellen Abfällen eine Rolle beim Recycling von Kraftwerkskomponenten spielen.


Die neue Reaktor-Generation: SMR-Spezialisten im Detail

Wenn es um die direkte Energieversorgung für den KI-Sektor geht, stehen zwei Unternehmen im Rampenlicht:


  • NuScale Power ($SMR
    ): Der konservative Vorreiter setzt auf bewährte Leichtwasser-Reaktortechnik (VOYGR™). Da NuScale klassisch auf Wasser setzt, ist der Bedarf an Wassertechnologie (Pumpen, Filter von Anbietern wie Xylem) extrem hoch. Dies macht NuScale zu einem idealen Partner für klassische Infrastruktur-Investoren.


  • Oklo Inc. ($OKLO
    ): Der radikale Innovator (unterstützt von Sam Altman) entwickelt „Schnelle Reaktoren“. Der Clou: Diese können mit recyceltem Atommüll (HALEU) betrieben werden. Oklo verwandelt ein Entsorgungsproblem direkt in eine Energiequelle und adressiert damit das Müllproblem an der Wurzel.


Strategisches Fazit


Wer die Brücke von der Wasserkühlung zur Entsorgung schlagen will, findet in Veolia die stabilste Verbindung.


Jacobs Solutions und Perma-Fix sind die direktesten Optionen für den physischen Rückbau.

Energy Fuels bietet eine spannende Wette auf das Recycling von Uranreststoffen, während Xylem und Danaher die unverzichtbare technologische Basis für das Wassermanagement in einer nuklearen Renaissance liefern.


Der entscheidende strategische Gewinner der aktuellen Nuklear-Renaissance könnte allerdings das Gespann Cameco & Westinghouse ($CCO) (-1,57 %) sein:


Durch die Fusion von Uranförderung und Reaktortechnologie haben sie ein vertikal integriertes Geschäftsmodell geschaffen. Sie profitieren nicht nur vom Verkauf des Brennstoffs, sondern kontrollieren über Westinghouse auch die gesamte nachgelagerte Wertschöpfung – von der Reinigung des Prozesswassers bis zur Endlager-Vorbereitung.

Damit ist Cameco vom reinen Bergbau-Player zum unverzichtbaren Infrastruktur-Partner für die Energie- und KI-Wirtschaft aufgestiegen.


Außerdem dürfte das Ende 2025 vereinbarte 80-Milliarden Dollar-Abkommen mit der US-Regierung die langfristige Marktführerschaft im Westen einzementiert haben (https://de.marketscreener.com/boerse-nachrichten/westinghouse-electric-cameco-und-brookfield-starten-80-milliarden-dollar-offensive-fuer-atomkraft-in-ce7d5ddcd88cf127).


Risikoanalyse

Die Kernkraft-Renaissance ist heute realer als vor zehn Jahren, doch als Anleger müssen wir zwei Seiten der Medaille betrachten:


Chancen durch regulatorische Sicherheit: Entsorgung und Rückbau sind keine „Kann-Leistungen“, sondern gesetzlich vorgeschriebene Daueraufgaben. Die Finanzierung ist durch bestehende Rückstellungen der Konzerne oft bereits heute gesichert, was die Dienstleister (Veolia, Jacobs, Perma-Fix) krisenresistent macht.

Risiken: Politische Risiken bleiben bestehen. Ein Regierungswechsel kann Genehmigungsprozesse für Endlager verzögern. Zudem ist der Sektor hochemotional; ESG-Bewertungen entscheiden oft (noch?!) darüber, wie viel Kapital tatsächlich in die Aktien fließt.


Könnte die Wasser- und Entsorgungstechnik am Ende das sicherere Investment als die eigentlichen SMR-Bauer sein, weil sie bei jedem technologischen Ausgang mitverdient? Wie seht ihr das Chancen-Risiko-Verhältnis?


Viele Grüße und vielen lieben Dank für die positive Resonanz und all die Rückmeldungen zu meinem vorherigen und aller ersten Beitrags ✌🏼


Anderlé

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10 Kommentare

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Danke dir für den spannenden Beitrag. Meiner Meinung nach adressierst du genau die richtigen Gedanken. Uran ist aktuell ein extrem spannendes Thema. Mal gucken, wann die nachgelagerten Industrien entsprechend auch profitieren.

Ich persönlich spiele aktuell noch den Hype Cycle rund um mir die Hersteller, da ich hier kurzfristig eine größere Rendite erwarte. Langfristig spielt die Musik hier aber mindestens genauso stark.
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@Liebesspieler Danke, freut mich zu hören! ✌🏼
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Danke mein Lieber. Ähnliche Gedanke habe ich auch schon länger. Jacobs und Perma würde ich gerne noch einmal einzeln etwas analysieren wollen. Wenn du nichts dagegen hast.
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@Tenbagger2024 Klaro, sehr gerne! ✌🏼
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Ich habe Copilot gefragt, ob es eine Renaissance der Kernkraft gibt. Die Antwort:

Kurz gesagt: Nein, eine weltweite „Renaissance“ der Atomkraft findet derzeit nicht statt. Die verfügbaren Daten zeigen eher Stagnation – mit leicht sinkender Zahl an Reaktoren, stabiler Leistung und sehr begrenztem Neubau. Die Erzählung einer globalen Rückkehr zur Kernenergie hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand.

🌍 Globale Lage der Atomkraft

1. Reaktorbestand schrumpft leicht

• Anfang 2025 waren weltweit 404 Reaktoren in Betrieb – fünf weniger als im Vorjahr.
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• Die Gesamtleistung bleibt zwar stabil (369 GW), aber nur, weil bestehende Reaktoren mehr Leistung liefern.
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2. Neubau bleibt schwach

• 2025 gingen weltweit nur vier neue Reaktoren ans Netz (China, Indien, Russland).
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• Gleichzeitig wurden sieben Anlagen stillgelegt (Belgien, Russland, Taiwan).
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• 2024 lag der Netto-Zuwachs sogar nur bei zwei Reaktoren.
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3. Bauprojekte konzentrieren sich fast ausschließlich auf China

• Weltweit befinden sich 66 Reaktoren in Bau, davon 36 allein in China.
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• Auf dem gesamten amerikanischen Kontinent wird kein einziger kommerzieller Reaktor gebaut.
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4. Europa: Rückbau statt Renaissance

• Die Zahl der EU-Reaktoren ist 2025 auf unter 100 gefallen.
Sonnenseite
• Belgien schaltet ab, Taiwan ist komplett ausgestiegen.
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💸 Warum bleibt die Renaissance aus?

Hohe Kosten & extreme Bauzeiten

• Beispiel Flamanville 3 (Frankreich):• geplant: 3,3 Mrd. €, 5 Jahre
• Realität: 23,7 Mrd. €, 17 Jahre
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Finanzielle Risiken

• Private Investoren meiden Atomkraft; fast nur staatliche Akteure bauen noch.
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SMR (Small Modular Reactors) liefern nicht

• Das US-Vorzeigeprojekt wurde wegen explodierender Kosten eingestellt.
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Erneuerbare Energien überholen Atomkraft bei Weitem

• China installierte 2024 277.000 MW Solarleistung – das 70‑fache der weltweit neu installierten Atomkraftleistung.
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📌 Fazit

Es gibt keine globale Renaissance, sondern:

• Stagnation der Atomkraft,
• Rückgänge in vielen Industrieländern,
• Konzentration des Neubaus auf wenige Staaten (v. a. China),
• massive Konkurrenz durch schnellere und günstigere erneuerbare Energien.


Wenn du möchtest, kann ich dir auch eine regionale Analyse (Europa, Asien, USA) oder eine Bewertung der Zukunftsperspektiven der Atomkraft erstellen.
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@randomdude Danke dir für deinen Input. Erneuerbare Energie mag günstiger sein, dennoch sehe ich einen großen Vorteil von Atomenergie.

Grosse Tech-Giganten benötigen eine äußerst hohe Grundlastfähigkeit, da z.B. KI-Rechenzentren 24/7 unter Vollast laufen (müssen).

Z.Zt. sind erneuerbare Energien m.E. (noch) sehr intermittierend unterwegs. Ohne massive (und derzeit noch teure Langzeitspeicher) kann die konstante Last von KI-Clustern allein nur sehr schwer gedeckt werden.
Atomkraft liefert eben diese konstante Energie ohne CO₂-Ausstoß. Deshalb kaufen Konzerne wie Amazon ganze Rechenzentren direkt neben AKWs (z. B. das Talen Energy Projekt in den USA).

Wir werden sehen wie es zukünftig aussieht, aber aktuell funktioniert es nicht mit reiner erneuerbarer Energie (wäre wünschenswert) ✌🏼
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da kann ich nur den $NUKL empfehlen, bin seit knapp einem Jahr investiert und sehr zufrieden, man deckt fast alles ab an Uranabbau- und Kernenergieinfrastruktur. Aber nicht weniger Volatil als ein Nasdaq100.
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@Derspekulant1 Danke! Da ist einiges drin, von dem ich berichtet habe. Der ETF zielt allerdings auf „Pure Player“ ab. Xylem oder Veolia fallen da raus. Aber man kann die ja noch als Ergänzung zum ETF aufnehmen / besparen✌🏼
Seit wann bist du in den ETF investiert?
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Tolle Abendlektüre, danke dir mein Lieber 💪
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@Johannes12345 Danke! Es freut mich sehr, dass ihr Freude daran habt ✌🏼
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