Nach Meinung des Ifo-Chef Clemens Fuest ist Europa einer „existenzielle Bedrohung“ ausgesetzt: Europa nutze KI, besitze aber kaum Infrastruktur. Rund 75 Prozent der weltweiten Hochleistungsrechenkapazität für moderne KI liegen in den USA, China kommt auf etwa 15 Prozent und die EU auf weniger als fünf Prozent.
Deshalb fordert er ein Notprogramm mit mehr Rechenzentren, Chipfabriken, Energieinfrastruktur, schnellere Genehmigungen und notfalls Sonderwirtschaftszonen. Energie wird strategisch, denn KI-Rechenzentren brauchen gewaltige Mengen verlässlichen Strom.
Eine Studie der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs mit dem Titel „The Post Modern Cycle“ beschreibt einen neuen Investitionssuperzyklus: KI, Datenzentren, Strom, Chips, Verteidigung und Infrastruktur. Die digitale Welt braucht plötzlich Beton, Kabel, Transformatoren und Kraftwerke.
Goldman hat dazu den passenden Korb mit dem Namen EU AI Capex.
Darin enthalten sind 64 Mitglieder. Es ist Europas börsennotierte KI-Infrastrukturwette. In den vergangenen fünf Jahren hat der Index inklusive Dividenden 124 Prozent gewonnen, annualisiert sind das 17,5 Prozent. Der Stoxx Europe 600 kommt im selben Zeitraum nur auf 64 Prozent. Das sind 10,3 Prozent annualisiert.
Die größten Positionen zeigen, worum es geht: Infineon
$IFX (+4,42 %) hat ein Gewicht von 7,1 Prozent, ASML
$ASML (+1,99 %) liegt bei 6,8 Prozent, Siemens $SIE (+0,87 %) ist mit sechs Prozent vertreten, Rolls-Royce $RR. (+0,5 %) , Enel $ENEL (-0,21 %) und Schneider Electric
$SU (+2,63 %) mit 5,4 Prozent. ABB $ABBN (+2,11 %) ist mit fünf Prozent gewichtet, Iberdrola
$IBE (+1,03 %) mit 4,9 Prozent, Siemens Energy
$ENR (+4,57 %) mit 4,7 Prozent, ASM International
$ASM (+2,95 %) mit 3,7 Prozent, Prysmian $PRY (+4,33 %) mit 3,6 Prozent und BE Semiconductor
$BESI (+0,94 %) mit 3,2 Prozent.
Damit ist der Index kein reiner Tech-Index, sondern bildet die physische KI-Wertschöpfungskette Europas ab: Halbleiter, Maschinen, Strom, Netze, Kabel, Energie und Automatisierung. ASML ist Europas strategisches Kronjuwel. Fuest sagt sogar, ASML sei bislang das einzige wirklich strategische Asset Europas in diesem Bereich, weil auch die USA darauf angewiesen sind.
Das Risiko: Europa redet, aber baut nicht. Energie bleibt teuer, Genehmigungen dauern lange, Regulierung bremst Projekte aus – und am Ende bleibt man Kunde amerikanischer Modelle.
Die Chance: Europa wacht auf. Dann wird digitale Souveränität zum Capex-Boom und die Aktien bekommen einen neuen Schub. Wer europäische KI will, muss definitiv europäische Infrastruktur kaufen.
Quelle: „Welt“ (Auszug), 17.06.26

