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Der Bullenmarkt als Tarnung — Warum Strukturprobleme so lange unsichtbar bleiben

Lesedauer: ca. 3 Minuten

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Es gibt einen Fehler, den ich für einen der teuersten im Investieren halte: einen zyklischen Rückgang mit einem strukturellen Problem zu verwechseln. Oder umgekehrt. Beides kostet Geld, aber auf sehr unterschiedliche Weise.


Der zyklische Rückgang ist temporär. Ein Unternehmen verdient weniger, weil die Nachfrage gerade schwach ist. Das Geschäftsmodell ist intakt, die Wettbewerbsposition auch. Der Gewinn erholt sich, wenn der Zyklus dreht. Wer in dieser Phase verkauft, verbucht einen Verlust und verpasst die Erholung.


Das strukturelle Problem ist etwas anderes. Hier verändert sich etwas Fundamentales am Geschäftsmodell selbst. Ein Wettbewerber macht das Produkt überflüssig, oder die Nachfrage verschwindet dauerhaft. Der Gewinn erholt sich nicht, weil es nichts zu erholen gibt. Wer in dieser Phase hält, wartet auf eine Normalisierung, die nicht kommt.


Die Schwierigkeit: Beide sehen im Chart identisch aus. Kurs fällt, Stimmung dreht. Das Unterscheidungsmerkmal liegt nicht im Kursverlauf, sondern in der Ursache.


Ich beginne deshalb mit einer einfachen Frage: Hat das Unternehmen ein Problem, oder hat die Branche ein Problem? Und wenn die Branche ein Problem hat: Löst es sich von selbst auf, weil es aus Überangebot oder temporärer Nachfrageschwäche entsteht? Oder ist es dauerhaft, weil ein Wettbewerber oder eine Technologie die Grundlage des Geschäftsmodells verändert?


$MU (+10,89 %) , also Micron Technology, ist das vielleicht reinste Lehrbuchbeispiel für den ersten Fall. Der Speicherchip-Markt läuft in ausgeprägten Überangebots- und Knappheitsphasen. Wenn die Preise fallen, sehen Microns Zahlen katastrophal aus. Wenn sie steigen, explodiert der Gewinn. 2022 war brutal. Die Nachfrage brach ein, Lagerbestände türmten sich auf, Analysten überboten sich mit Kurszielsenkungen. Wer damals verkaufte und 2023 wieder kaufte, hat zweimal Transaktionskosten produziert und die Erholung trotzdem verpasst. Das Kerngeschäft geriet dabei nie grundsätzlich in Frage.


$CCO (-1,55 %) folgt einer ähnlichen Logik, mit einer wichtigen Überlagerung. Der Uran-Zyklus ist langsamer und politisch getrieben. Nach Fukushima hat der Markt jahrelang gebraucht, um die strukturelle Nachfrage von der politischen Stimmung zu trennen. Reaktoren wurden abgeschaltet, der Uranpreis kollabierte. Für viele sah das wie ein strukturelles Problem aus. War es nicht. Der Strombedarf blieb. Kernkraft als Technologie blieb. Was sich änderte, war die Wahrnehmung. Als die sich drehte, drehte auch der Zyklus. Wer den Unterschied verstand, hat die Neubewertung mitgenommen.


$CVS (-1,37 %) ist das Gegenbeispiel. Das Apothekenmodell steht seit Jahren unter Druck: Pharmacy Benefit Manager drücken die Margen, der stationäre Einzelhandel verliert Frequenz, das Kerngeschäft schrumpft. CVS operiert noch immer in großem Maßstab und liefert Umsätze. Aber der Markt preist zunehmend strukturelle Margenerosion und regulatorische Risiken ein, und das aus gutem Grund. Trotzdem wurde CVS jahrelang als günstiger Dividendenwert gehandelt. Die hohe Dividendenrendite galt als Kaufargument. Dabei ist eine ungewöhnlich hohe Dividendenrendite oft eher ein Hinweis darauf, dass der Markt an der Nachhaltigkeit der Ausschüttung zweifelt. Bei CVS hat sich das bestätigt. Wer auf die zyklische Erholung wartete, wartete auf etwas, das strukturell nicht kommen konnte.


$VOW (-1,31 %) ist der schwierigere Fall, und deshalb lehrreich auf andere Weise. Der Marktanteilsverlust in China an BYD und andere lokale Hersteller hat einen strukturellen Kern: chinesische Anbieter sind inzwischen in Qualität und Preis konkurrenzfähig, das ist kein temporäres Phänomen. Gleichzeitig überlagert zyklischer Nachfragerückgang im Premiumsegment die Strukturfrage kurzfristig. Beides lässt sich nicht sauber trennen. Das macht VW zum Mischfall: struktureller Kern, zyklisches Overlay. Das ist kein Versagen der Analyse, das ist die Realität vieler Unternehmen in Transformationsphasen. Und genau deshalb muss ich bei einem solchen Fall zumindest wissen, welchen Anteil ich dem Zyklus zuschreibe und welchen dem Strukturwandel. Ohne diese Trennung ist eine Positionsgröße kaum zu rechtfertigen.


Was ich vermeide: einen Zykliker mit Strukturargumenten zu halten, wenn der Zyklus sich gerade erholt. Das ist die häufigste Form der Selbsttäuschung. Die Story klingt überzeugend, der Kurs steigt, und irgendwann merkt man, dass man nicht die Branche verstanden hat, sondern nur den Bullenmarkt mitgemacht hat.


Das Instrument, das mir bei dieser Unterscheidung am meisten hilft, sind Gewinnrevisionen. Darum geht es im nächsten Artikel.

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20 Kommentare

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Danke immer wieder spannend. Ich habe Micron und auch aixtron, im Depot gehabt als keiner die Aktien haben wollte. Schön zu beobachten wie das PEG immer kleiner wird. Aber da sag mal einer, die Börse preist die Zukunft ein. Bei beiden Aktien habe ich lange warten müssen, bis Investoren sie wieder entdeckt haben. Bei Micron könnte man sich sogar zum nicht Zykliker entwickeln. Aber zur Zeit habe ich den Eindruck, dass sich bei einigen unsere sehr beliebten Burggraben Aktien in das Chartbild eine zyklisches Bild einschleicht. Vielleicht auch mal ein spannendes Thema.
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@Tenbagger2024 Glückwunsch zu dem Timing z.B. bei Micron! Das muss man erst mal aussitzen, während alle anderen wegschauen. Dass die Börse immer alles einpreist, ist eben anscheinend auch öfters mal nicht richtig?! Der Markt braucht manchmal jemanden, der das Licht anknipst. Dein Gedanke zu den beliebten Qualitätsaktien, die plötzlich zyklisch wirken, ist ein Volltreffer. Vielleicht bröckelt es da bei einigen?
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@schlimmschlimm Hallo mein Lieber. Ja gerade die Werte wo der Burggraben anscheinend Risse bekommt. Ein gutes Beispiel wäre hier $CSU , $FICO wo KI die Risse verursacht. Aber bei Werten wie $CTAS oder $UFPT kann ich die lange Korrektur noch nicht ganz Nachvollziehen. Bei diesen Werten sitze ich es auch aus. Bei Micron habe ich immer die tolle Bewertung im Vergleich zu den Wachstumsraten gesehen. Und mich gefragt was siehst du hier, was die Investoren nicht sehen. Und jetzt weis ich das mit meinen Augen noch alles in Ordnung ist. Perlentauchen bedeutet, frühzeitig gute Fundamental Kennzahlen zu erkennen.
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@schlimmschlimm @Aktienhauptmeister viele mögen durch meine vielen Unternehmensvorstellungen schon etwas genervt sein. Aber sie bedeuten auch oft so wie bei micron. Ein Unternehmen mit guten Fundamental Zahlen, noch vor der breiten Masse zu finden.
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@Tenbagger2024 Meine Meinung kennst du, mein Lieber. Genervt bin ich sicherlich nicht. Von Unternehmen, die man gar nicht so auf dem Schirm hat, kann man nicht genug haben. Für jeden ist definitiv etwas dabei – man muss halt nur „ausmisten“, was für das eigene Depot am meisten Sinn macht und was nicht. Aber das heißt nicht, dass deine Unternehmensvorstellungen schlecht sind.
Ganz im gegenteil, ich bin dankbar dass du für uns auf die Suche gehst um unentdeckte Perlen zu finden und vorzustellen🫶
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@Aktienhauptmeister Ich habe dem nicht hinzuzufügen. Genauso sollte man das sehen. Wir können froh sein das wir auf solche Unternehmen durch die qualitatitiv hochwertige Suche durch den lieben @Tenbagger2024 aufmerksam werden. Was man daraus macht, muss jeder selber wissen. Ignorien oder bearbeiten und auf die WL legen. Und eines muss man sagen, viele waren bisher hochwertrige Treffer.
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@Tenbagger2024 Das ist die richtige Einstellung und es beweisst ja auch irgendwie das du nicht so falsch liegst. Wenn die Fundamentaldaten stimmen, ist das Warten eigentlich nur eine Frage der Disziplin – auch wenn es sich manchmal wie Ewigkeit anfühlt. Bei $CSU und $FICO ist die KI-Debatte tatsächlich das Zünglein an der Waage aber auch andere Beispiele : Ist es nur ein kurzer Schreckmoment oder bröckelt der Burggraben wirklich? Oft ist es so, dass der Markt nach extremen Läufen einfach mal die Luft rauslässt, ohne dass sich operativ viel ändert. Da ist ‚Aussitzen‘ oft die beste Strategie, solange die Zahlen keine Risse zeigen. Dein Micron-Case gibt dir da ja rückwirkend absolut recht! Um nur einen zu nennen ;-) Die Auswahl an Unternehmen die du vorstellst ist schon sehr groß und das bedeutet halt auch viel Arbeit für jeden der wissen will wo er als nächtes investiert sein will. Dennoch schaue ich sie mir, nach einer erste Vorauswahl, immer an, mal intensiver, mal weniger je nachdem ob ich das Invest verstehe oder nicht. Mir persöhnlich gefällt dein Händchen, dein Riecher, dein Instinkt, deine Strategie ein Unternehmen zu bewerten. Nenne es wie du willst, irgendwas machst du ja richtig ;-) Man sollte sich gut überlegen was man daraus lernen kann.
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@schlimmschlimm Das freut mich wirklich sehr. Jemand hatte mal hier geschrieben, dass er oder sie hier eine Plattform sehen würde. welche die privat Plattform einer kleinen Gruppe wäre. Das merke ich leider auch immer wieder, eine kleine Gruppe ist mir hier auch besonders ans Herz gewachsen. Irgendwie sind es meist immer gleiche User welche Liken und tolle Kommentare abgeben. Oder auch mit Kommentaren eine Diskussion beginnen. Aber irgendwie finde ich es auch schade, nicht mehr Leute mitnehmen zu können. Es ist doch eine so tolle Reise auf die wir uns hier begeben haben. Und unser Reisezug ist lang und wir haben noch viele Plätze frei. Jeder kann gerne noch mit einsteigen
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@schlimmschlimm Viele halten diese oftmals sehr langen Konsolidierungen nicht aus. Wundern sich aber immer keinen Multi- oder Tenbagger im Depot zu haben.
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@Tenbagger2024 Tja, wie gesagt, ich weiß es sehr zu schätzen auf das Wissen einiger Leute hier, vermutlich die Gleichen die du meinst, zurückgreifen zu können. Mir hilft es. Aber es ist doch wie es immer ist, du kannst die tollste Manschaft haben, es gibt immer Querolanten die querschiesen müssen und das torpedieren. Mit manch einem, der hier in der Anonymität des Internet grundlos respektlos einen raushängen lässt, mit dem würde ich gerne mal persöhnlich an einem Tisch sitzen. Die Disskussionskultur einiger ist schon abstoßend. Zum Glück überwiegen ja die positiven Aspekte :-)
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@Tenbagger2024 Lach...das Thema hatten wir ja neulich bei AMD. Bei 120 % verkauft. Aber ich musste jetzt einfach auch mal Gewinne mitnehmen, das war schon ein sehr hoher 4 stelliger Betrag.
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Danke für Deine Artikel jede Woche. Schön auch mit den Beispielen. Halte schon ne Weile Minenaktien, die jetzt auch erst explodiert sind (bis auf Uran, der Markt ist so klein und die Aussichten waren mir dann doch zu langwierig, hab Verlust realisiert). Bin gespannt aufs nächste Thema.
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@market_analyst_466 danke dir für den Kommentar. Ich freue mich, dass meine Artikel dir gefallen. Ich bin bekanntlich ein Uran Fan, weiß aber auch, dass dieser Markt sehr besonders ist und verstehe jeden, der sich hierbei nicht wohl fühlt
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