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Eine der Fragen, die hier auf Getquin immer wieder auftaucht, lautet: Wann ist der richtige Zeitpunkt zu kaufen? Häufig dreht sich die Diskussion um Bewertungen, historische Multiples oder mögliche Rücksetzer. Diese Perspektive ist verständlich. Gleichzeitig lenkt sie oft von einer Entscheidung ab, die für das Risiko eines Portfolios mindestens genauso wichtig ist: der Positionsgröße.
Viele Verluste entstehen nicht deshalb, weil eine Idee grundsätzlich falsch war. Sie entstehen, weil eine Position zu groß war. Umgekehrt passiert auch das Gegenteil. Eine gute Idee funktioniert, ist aber so klein gewichtet, dass sie für das Portfolio kaum Wirkung entfaltet. Deshalb lohnt es sich, nicht nur darüber nachzudenken, ob ein Unternehmen interessant ist, sondern auch darüber, wie viel Kapital ihm überhaupt zugeordnet werden sollte.
Der Hintergrund ist relativ simpel. Die Zukunft ist unsicher. Unternehmen können sich besser oder schlechter entwickeln, Märkte können wachsen oder stagnieren, Bewertungen können steigen oder fallen. Prognosen versuchen meist, einen einzigen zukünftigen Pfad vorherzusagen. In der Praxis ist es oft sinnvoller, mit Szenarien zu arbeiten, also mit mehreren plausiblen Entwicklungen.
Genau hier beginnt die Logik von Positionsgrößen.
Positionsgrößen ergeben sich im Kern aus zwei Dimensionen. Erstens aus der Qualität eines Unternehmens. Dazu zählen Wettbewerbsvorteile, Kapitalrenditen, Marktposition und die Stabilität der Cashflows. Zweitens aus der Unsicherheit der zukünftigen Entwicklung. Diese kann aus technologischen Veränderungen entstehen, aus zyklischen Märkten, aus regulatorischen Risiken oder schlicht aus der Größe eines Unternehmens.
Je höher die Qualität und je stabiler das Geschäftsmodell, desto größer kann eine Position im Portfolio sein. Je unsicherer die möglichen Zukunftspfade, desto vorsichtiger sollte die Gewichtung ausfallen.
Ein kleines Gedankenexperiment verdeutlicht diese Logik.
Angenommen, ein Unternehmen wird analysiert und drei plausible Szenarien für die nächsten fünf Jahre werden definiert.
Im bullischen Szenario wächst das Unternehmen stark, die Bewertung bleibt stabil und die Aktie verdoppelt sich. Im neutralen Szenario wächst das Unternehmen moderat und die Aktie steigt um etwa 40 Prozent. Im bearischen Szenario enttäuscht das Wachstum und der Kurs fällt um etwa 30 Prozent.
Wenn diesen Szenarien Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden, etwa 30 Prozent für das bullische Szenario, 50 Prozent für das neutrale Szenario und 20 Prozent für das negative Szenario, ergibt sich daraus ein Erwartungswert.
30 Prozent mal plus 100 Prozent
50 Prozent mal plus 40 Prozent
20 Prozent mal minus 30 Prozent
Der gewichtete Erwartungswert liegt damit bei ungefähr plus 44 Prozent über fünf Jahre. Das ist attraktiv. Trotzdem bedeutet ein hoher Erwartungswert nicht automatisch, dass eine Position groß sein sollte. Entscheidend ist auch die Streuung möglicher Ergebnisse. Ein Investment mit großer Unsicherheit gehört typischerweise kleiner gewichtet als ein Unternehmen mit stabileren Cashflows und engeren Szenarien.
In der Praxis entstehen daraus häufig drei Kategorien im Portfolio.
Die erste Kategorie sind Core Positionen. Dabei handelt es sich um Unternehmen mit strukturellen Wettbewerbsvorteilen, hohen Kapitalrenditen und relativ stabilen Geschäftsmodellen. Ein Beispiel dafür ist $GOOGL (+0,09 %) (Alphabet). Das Unternehmen verfügt über dominante Plattformen im Suchmaschinen und Werbemarkt sowie über erhebliche Skalenvorteile. Ein weiteres Beispiel ist $V (-0,15 %) (Visa). Das globale Zahlungsnetzwerk profitiert von starken Netzwerkeffekten, hohen Margen und einem Geschäftsmodell, das relativ unabhängig von kurzfristigen Konjunkturschwankungen funktioniert. Solche Unternehmen können im Portfolio häufig Gewichtungen von etwa fünf bis zehn Prozent erreichen.
Die zweite Kategorie sind Satellite Positionen. Hier handelt es sich meist um kleinere Unternehmen oder Firmen mit stärker schwankenden Ergebnissen, deren Geschäftsmodell dennoch attraktiv erscheint. Beispiele dafür könnten $ERII (+0,21 %) (Energy Recovery) oder $EKT (-2,3 %) (Energiekontor) sein. Beide profitieren von strukturellen Trends wie Wasserinfrastruktur oder erneuerbaren Energien, unterliegen aber gleichzeitig größeren operativen Schwankungen als globale Plattformunternehmen. Typische Gewichtungen liegen hier häufig im Bereich von zwei bis fünf Prozent.
Die dritte Kategorie sind Option Positionen. Dabei handelt es sich um Investments mit sehr hoher Unsicherheit, aber potenziell großer Upside. Rohstoffunternehmen oder sehr kleine Wachstumsfirmen gehören häufig in diese Gruppe. Ein Beispiel wäre $DML (-0,98 %) (Denison Mines) aus dem Uransektor. Solche Positionen werden oft bewusst klein gehalten, etwa zwischen einem halben und zwei Prozent des Portfolios. Der Gedanke dahinter ist einfach. Wenn das Investment scheitert, bleibt der Schaden begrenzt. Wenn das Szenario aufgeht, kann der Beitrag dennoch relevant werden.
Ein konkretes Zahlenbeispiel macht diese Logik greifbarer. Angenommen, ein Portfolio umfasst 100.000 Euro. Eine Core Position mit acht Prozent Gewicht entspricht dann etwa 8.000 Euro. Eine Satellite Position mit drei Prozent Gewicht entspricht rund 3.000 Euro. Eine Option Position mit einem Prozent Gewicht entspricht etwa 1.000 Euro. Selbst wenn eine solche Option Position komplett scheitert, bleibt der Effekt auf das Gesamtportfolio überschaubar.
Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt. Positionsgrößen sind nicht statisch. Sie verändern sich über die Zeit automatisch. Wenn eine Aktie stark steigt, wächst ihre Gewichtung im Portfolio. Viele der größten Portfolio Gewinner entstehen genau dadurch, dass erfolgreiche Positionen nicht zu früh reduziert werden.
Eine ursprünglich kleine Position kann dadurch im Laufe der Jahre zu einer der größten Positionen im Portfolio werden. Das ist kein Fehler, sondern häufig ein Zeichen dafür, dass sich eine gute Idee tatsächlich entfaltet hat.
Umgekehrt kann es sinnvoll sein, Positionen zu reduzieren, wenn Bewertungen extrem steigen oder wenn die Gewichtung durch Kursgewinne unverhältnismäßig groß geworden ist. Ziel ist dabei nicht, kurzfristige Kursbewegungen zu timen. Ziel ist es, die Stabilität der Portfolio Architektur zu erhalten.
Der häufigste Fehler in diesem Zusammenhang ist Überkonzentration. Sie entsteht selten durch eine bewusst geplante Strategie. Häufig ist sie das Ergebnis von Narrativen. Eine überzeugende Geschichte, eine Phase schneller Kursgewinne oder starke Aufmerksamkeit können dazu führen, dass einzelne Positionen immer weiter ausgebaut werden. Das Portfolio wird dadurch anfälliger für Fehler.
Die zentrale Erkenntnis lautet deshalb relativ einfach.
Ein robustes Portfolio entsteht nicht dadurch, jede Aktie perfekt zu timen. Es entsteht dadurch, Kapital sinnvoll entlang von Qualität, Bewertung und Unsicherheit zu verteilen.
Oder anders formuliert.
Der Einstieg bestimmt den Preis.
Die Positionsgröße bestimmt das Risiko.
Im nächsten Beitrag der Serie geht es deshalb um eine Frage, die direkt daran anschließt. Wie geht man eigentlich mit Gewinnern im Portfolio um? Wann sollte eine Position einfach weiterlaufen dürfen und wann wird eine Gewichtung zu groß? Ein spannendes Beispiel dafür ist $GOOGL (+0,09 %) (Alphabet). Ein Unternehmen, das über viele Jahre hinweg enorme Wertsteigerungen erzielt hat und gleichzeitig immer wieder die Frage aufwirft, wie man mit solchen Gewinnern im Portfolio sinnvoll umgeht. Genau darum wird es im nächsten Teil gehen: Gewinner richtig managen.

