Ich habe mir gestern das Analystengespräch zwischen Ralf Thomas, dem CFO von Siemens ($SIE (-1,54 %)), und einem Analysten von der Bank of America auf der Bank of America Global Industrials Conference 2025 angehört.
Die Diskussion deckte eine breite Palette von Themen ab, von der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland und den USA über die Dynamik in China bis hin zu strategischen Portfolioentscheidungen, insbesondere die Beteiligung an Siemens Healthineers.
Die erste Frage der Analysten richtete sich an die Situation in Deutschland. Es wurde nach den potenziellen Auswirkungen der erwarteten staatlichen Förderungen und deren Bedeutung für Siemens sowie die breitere europäische Wirtschaft gefragt. Herr Thomas betonte, dass Siemens als global agierendes Unternehmen eine gut ausbalancierte globale Wertschöpfungskette besitzt, die es dem Unternehmen ermöglicht, verschiedene Märkte gleichzeitig zu bedienen. Obwohl Siemens die Bemühungen Europas und insbesondere Deutschlands, neue Impulse zu finden, begrüßt, ist man stolz auf die globale Aufstellung, die durch Investitionen in Twin-Factory-Konzepte und lokale Produktentwicklung in Wachstumsmärkten erreicht wurde.
Ein weiterer Punkt zur deutschen Situation betraf die angekündigten Stellenstreichungen und deren Komplexität im Kontext möglicher staatlicher Mittelzuflüsse und der Profitabilität von Siemens in Deutschland. Herr Thomas wies darauf hin, dass die Ankündigung bereits im November letzten Jahres in der gleichen Dimension kommuniziert wurde und die gestrige "Aufregung" überraschend war. Nur ein geringer Teil der Stellenreduktionen betrifft Deutschland, da Siemens Wachstumschancen und nicht geografische oder passbedingte Aspekte priorisieren müsse. Angesichts von rund 2.000 offenen Stellen in Deutschland plant Siemens Investitionen in Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen. Herr Thomas glaubt nicht, dass diese Maßnahme staatliche Auftragsvergaben behindern sollte, und geht davon aus, dass die Auswirkungen dieser Ankündigung ohnehin verdaut sein werden, bevor sich politische Impulse in konkrete Aufträge und Umsätze verwandeln.
Die Diskussion verlagerte sich dann auf die USA, wo die Analysten nach den Auswirkungen politischer Unsicherheiten, insbesondere Zölle, auf die Kundenaktivitäten und Entscheidungsfindung fragten. Herr Thomas bestätigte, dass politische Unsicherheiten typischerweise zu einer Lähmung bei Entscheidungsträgern führen. Dies sei derzeit nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Regionen aufgrund geopolitischer Spannungen zu beobachten. Allerdings betonte er, dass Siemens als B2B-Unternehmen rationale Entscheidungsträger als Kunden hat und einen hohen Auftragsbestand von 118 Milliarden Euro verzeichnet, der die kurzfristige Umsatzentwicklung nicht beeinträchtigen sollte.
In einigen Bereichen gebe es zwar Zurückhaltung, insbesondere bei ambitionierten Geschäftsmodellen in Bezug auf ESG, aber die langfristigen Verpflichtungen zur CO2-Neutralität blieben bestehen. Sollte die Unsicherheit länger anhalten (ein bis zwei Quartale), könnte dies problematisch werden, aber Herr Thomas sieht dies derzeit nicht kommen. Er wies auch auf eine mögliche positive Kehrseite hin: Wenn Zölle zu kleineren Produktionsstätten führen, könnte Automatisierung aufgrund von Arbeitskräftemangel noch wichtiger werden und Siemens zugutekommen.
Bezüglich der Auftragsdynamik im zweiten Quartal in den USA und der vergleichsweise einfachen Vorjahreswerte erwartete Herr Thomas keine wesentlichen Auswirkungen auf die aktuelle Guidance. Die Erwartung einer Normalisierung im industriellen Bereich, insbesondere in der Automatisierung, bis zum Ende des zweiten Quartals bleibe bestehen. Auch die Einschätzungen zur Nachfrage in China und den Lagerbeständen bei Distributoren seien weiterhin gültig, wobei die Entwicklung möglicherweise sogar etwas besser als erwartet verlaufe. Die genannten Unsicherheiten würden die Guidance für das zweite Quartal und das Geschäftsjahr 2025 nicht beeinflussen.
Im Detail wurde auch die Situation in China beleuchtet. Die Normalisierung der Geschäftstätigkeit schreite wie erwartet voran, möglicherweise sogar besser . Die Lagerbestände bei Distributoren lägen im normalen Bereich, und auch die Lagerbestände bei OEMs und Endkunden würden sich weiter abbauen. Der Automobilsektor in China entwickle sich deutlich besser als in Europa und den USA, insbesondere im Bereich der Elektromobilität. Die chinesische Regierung scheine sich auf hochwertige Industrien zu konzentrieren, was Siemens zugutekommen sollte. Herr Thomas erwähnte auch, dass die chinesische Regierung sich offenbar so positioniert, dass sie auf potenzielle Zölle reagieren kann. Langfristig bleibe der Trend zu einer stagnierenden oder schrumpfenden Zahl qualifizierter Arbeitskräfte bestehen, was lokale Investitionen in hochwertige Technologien fördere.
Im Hinblick auf den Wettbewerb haben sich lokale chinesische Anbieter in den letzten Jahren verbessert und Marktanteile im unteren Preissegment gewonnen, sowohl kosten- als auch qualitätsseitig. In den hochwertigen Marktsegmenten sei Siemens jedoch weiterhin stark. Um im mittleren Marktsegment erfolgreicher zu sein, hat Siemens ein lokales Programm "in China für China" initiiert, bei dem Produkte mit lokaler Entwicklung und lokalen Lieferketten für den heimischen Markt und Nachbarregionen entwickelt werden. Die ersten Reaktionen der Kunden seien positiv, und auf der kommenden Hannover Messe sollen weitere Produkte vorgestellt werden.
Ein weiterer Fragenkomplex betraf die Profitabilität der Division Digital Industries (DI) im Vergleich zu Wettbewerbern. Herr Thomas schlug vor, die beiden Bereiche innerhalb von DI – Automatisierung und Software – separat zu betrachten. Im Bereich Software befinde sich Siemens in der SaaS-Transition, über deren Fortschritte und Zielsetzungen transparent berichtet werde. Diese Strategie zielt darauf ab, im Markt der kleinen und mittleren Unternehmen zu wachsen, wo bereits über 80 % der Neukunden gewonnen werden konnten. Die geplante Akquisition von Altair werde diesen Bereich weiter stärken. Herr Thomas deutete an, dass zukünftig Cashflow-orientierte KPIs mehr Klarheit über die Performance bieten könnten. Im Bereich Automatisierung sei ein direkter Vergleich mit Wettbewerbern schwierig, weshalb Siemens derzeit bei der bestehenden Berichtsstruktur mit Umsatzwachstum und Profitabilität auf Divisionsebene bleibe. Im Dezember dieses Jahres sollen im Rahmen eines neuen finanziellen Rahmens weitere Details bekannt gegeben werden.
Die Analysten interessierten sich auch für die starke Margenverbesserung im Bereich Smart Infrastructure (SI) in den letzten Jahren und die Nachhaltigkeit dieser Margen angesichts steigender Kapazitäten im Markt, insbesondere im Bereich Elektrifizierung. SI habe seit 17 Quartalen in Folge eine höhere Profitabilität als im jeweiligen Vorjahresquartal erzielt, was auf Kosteneinsparungen und Wachstumsimpulse zurückzuführen sei. Darüber hinaus werde das Portfolio kontinuierlich optimiert, wobei nicht-kerngeschäftsrelevante Bereiche veräußert würden (z.B. Wireless Accessories). Diese Entwicklung basiere auf Innovationen, Technologievorsprung und Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie der konsequenten Fokussierung auf Wachstumssegmente. Herr Thomas zeigte sich optimistisch, dass SI nicht nur den oberen Bereich des bisherigen Margenkorridors erreichen, sondern diesen mit der Zielspanne von 16 % bis 20 % für den nächsten Zyklus erweitern könne. Die Guidance für das laufende Geschäftsjahr (17 % bis 18 % Marge) bleibe bestehen, und im zweiten Quartal werden zusätzliche Gewinne aus der Veräußerung von Wireless Accessories erwartet.
Ein kurzer Teil des Gesprächs widmete sich der Akquisition von Altair. Die Analysten merkten an, dass der Abschluss schneller als erwartet erfolgen könnte, und fragten nach den Auswirkungen auf den Zeitplan für den Verkauf von Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen zur Finanzierung. Thomas bestätigte, dass der Abschluss ursprünglich in der zweiten Jahreshälfte erwartet wurde, es aber derzeit nach einer früheren Realisierung aussehe. Die Finanzierung der Transaktion sei gesichert und werde wie im vergangenen Jahr angekündigt über verschiedene Quellen erfolgen: Erlöse aus dem Verkauf von Innomotics, Reduzierung der Beteiligung an Siemens Energy (bereits von 17 % auf etwa 12 % reduziert, mit Erlösen von 2,2 Milliarden Euro) und Siemens Healthineers (erfolgreicher Verkauf von Anteilen für 1,5 Milliarden Euro) sowie der starke Free Cashflow von Siemens.
Ein zentraler Punkt der Diskussion war die strategische Überprüfung der Beteiligung an Siemens Healthineers. Die Analysten fragten nach den Gründen für die veränderte Kommunikation in den letzten drei Monaten und nach den Vor- und Nachteilen verschiedener Beteiligungshöhen. Herr Thomas rekapitulierte, dass Siemens bei der Börsennotierung von Healthineers im Jahr 2018 von Anfang an betont habe, nicht zwingend an der Mehrheitsbeteiligung festzuhalten. Die erfolgreiche Akquisition und Integration von Varian sowie die Entwicklung im In-vitro-Diagnostikbereich hätten gezeigt, dass Healthineers die Erwartungen erfülle. Herr Thomas betonte, dass Siemens immer gesagt habe, dass der Gesundheitsmarkt mehr als nur Medizintechnik umfasst. Viele Industrieunternehmen würden das Potenzial dieses breiteren Gesundheitsmarktes erkennen, in dem Siemens AG mit ihren Produkten und Lösungen in Bereichen wie Energieeffizienz in Gebäuden, Asset Tracking und digitalen Tools ebenfalls stark positioniert sei. Die Überprüfung dauere so lange, weil der Gesundheitsmarkt (nicht nur Medizintechnik) geografisch stark fragmentiert sei, mit unterschiedlichen regulatorischen Rahmenbedingungen und Erstattungssystemen in nahezu 200 Jurisdiktionen. Daher sei eine sorgfältige Bewertung in den einzelnen Märkten notwendig, um festzustellen, wie der Zugang zu Entscheidungsträgern in großen Krankenhausketten optimal genutzt werden könne.
Herr Thomas stellte klar, dass Siemens bei einer geringeren oder keiner Beteiligung an Healthineers nicht 45 Milliarden Euro investieren würde, um diesen Marktzugang zu erhalten. Da Siemens jedoch derzeit eine signifikante Beteiligung hält, sei es die Pflicht gegenüber den Aktionären, diese Situation sorgfältig zu prüfen und optimal zu nutzen. Er bat um Geduld bis Dezember, wenn die Ergebnisse der Überprüfung und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen transparent dargelegt werden sollen, und zeigte sich überzeugt, dass die Aktionäre die Gründe dafür nachvollziehen werden. Es gebe keinen einzelnen ausschlaggebenden Faktor für eine bestimmte Beteiligungshöhe, sondern ein komplexes System, das eine gründliche Analyse erfordere.
Das Gespräch mit Ralf Thomas vermittelte ein Bild von Siemens als einem global resilienten Unternehmen, das sich trotz geopolitischer Unsicherheiten gut positioniert sieht. Der Fokus liegt weiterhin auf margenstarkem Wachstum, insbesondere im Softwarebereich durch die SaaS-Transformation und die geplante Altair-Akquisition. Die operative Performance in den Divisionen DI und SI wird positiv bewertet, wobei SI durch konsequente Kostenkontrolle und strategische Initiativen beeindruckende Margenverbesserungen erzielt hat. Die strategische Überprüfung der Beteiligung an Siemens Healthineers wird mit großer Sorgfalt durchgeführt, um den Wert für die Aktionäre zu maximieren und die Chancen im breiteren Gesundheitsmarkt optimal zu nutzen.