DAX Unternehmen wollen für rekordhohe 54,6 Milliarden Euro eigene Aktien an der Börse zurückkaufen und haben dafür entsprechende Rückkaufprogramme aufgelegt. Allein in diesem Jahr dürften Anteilsscheine für 26 Milliarden Euro vom Markt genommen werden.
Das zeigen Berechnungen des Handelsblatt Research Institute. Grundlage dafür sind Ankündigungen der Dax-Konzerne und ihre jüngst vorgelegten Bilanzen für das abgelaufene Geschäftsjahr.
23 der 40 Dax-Konzerne erwerben derzeit eigene Anteilsscheine oder beabsichtigen, dies in den nächsten Monaten zu tun. 16 wollen dafür eine Milliarde Euro oder mehr ausgeben, am meisten Deutsche Post $DHL (-0,51 %), Siemens $SIE (-0,08 %) und Siemens Energy $ENR (+3,49 %) mit jeweils sechs Milliarden Euro und SAP $SAP (-1,65 %) mit zehn Milliarden Euro.
“Die hohen Aktienrückkaufprogramme sind zusammen mit den anhaltend hohen Dividenden eine wichtige Grundlage dafür, dass der Dax trotz schwieriger geopolitischer Voraussetzungen ein vielversprechendes Investment bleibt“, prognostiziert Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp.
Kein Wunder, dass Rückkäufe bei Anlegern beliebt sind: Die Programme verknappen das Angebot an Aktien. Damit verteilen sich künftige Gewinne und Dividenden auf weniger Anteilsscheine. Beide Effekte treiben üblicherweise den Kurs.
Doch die Aktienrückkäufe sind umstritten. Sie verringern bei den Unternehmen die Liquidität, die angesichts der Marktverwerfungen durch den Krieg in Nahost und daraus drohender Ertragseinbußen schon bald benötigt werden könnte.
Größter Rückkäufer weltweit ist Apple $AAPL (+0,3 %). Der iPhone-Spezialist gab in den letzten vier Quartalen 96,7 Milliarden Dollar für den Erwerb eigener Anteilsscheine aus, in den vergangenen zehn Jahren waren es 755 Milliarden Dollar. Seit 2013, als Apple erstmals eigene Aktien in größerem Stil erwarb, hat sich der Aktienbestand nach Berechnungen des Handelsblatts um 44 Prozent reduziert.
Eine Studie der US-Investmentbank Goldman Sachs vom vergangenen Herbst belegt, dass sich Aktien von Unternehmen, die regelmäßig sehr viele eigene Aktien aufkaufen, besser entwickeln. Demnach haben sich seit 2012 Aktien von Konzernen aus dem S&P 500, die ihre Aktienzahl pro Jahr um vier Prozent reduziert haben, um durchschnittlich drei Prozentpunkte jährlich besser entwickelt als der Gesamtmarkt.
Goldman Sachs bezeichnet solche Intensiv-Rückkäufer als „Buyback-Aristokraten“ – in Anlehnung an die sogenannten „Dividenden-Aristokraten“. Das sind Unternehmen, die seit mindestens 25 Jahren ihre Dividende erhöht haben. Zu den Buyback-Aristokraten zählen neben Apple unter anderem der Lebensmittelkonzern Mondelez $MDLZ (-0,89 %), der Gesundheitsspezialist McKesson, der Versicherer Loews sowie die Finanzunternehmen Morgan Stanley, Wells Fargo, Visa $V (+0,34 %), Mastercard $MA (+0,45 %) und American Express $AXP (-0,69 %).
Die Finanzstruktur solcher Unternehmen bessert sich indes nicht. Zwar steigt nach dem Einzug zurückgekaufter Aktien der Gewinn je Anteilsschein. „Gleichzeitig verändert sich aber die Risikostruktur des Unternehmens“, analysiert Bilanzexperte Philipp Immenkötter vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch in einer detailreichen Analyse zu Aktienrückkäufen.
Seine Argumentation: Durch den Aktienerwerb sinkt die Liquidität des Unternehmens und steigt die Verschuldung zum abnehmenden Eigenkapital. „Beide Effekte erhöhen das Risiko und drücken so die Bewertung“, erklärt Immmenkötter. „Schlussendlich gleichen sich die Effekte aus, sodass hierdurch kein Kursanstieg entstehen kann.“
Ein nachhaltiger Kursanstieg durch einen Aktienrückkauf entsteht allerdings dann, wenn der Rückkauf zu einer besseren Einschätzung der Aktie durch den Markt führt. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass Unternehmen eigene Aktien zurückkaufen, wenn diese unterbewertet sind – oder wenn Firmen deshalb eigene Aktien zurückkaufen, weil sie hohe Gewinne erwirtschaften und diese dem Aktionär nicht nur über Dividenden, sondern zusätzlich über Aktienrückkäufe zurückgeben wollen.
Quelle Text (Auszug) & Grafiken: Handelsblatt, 25.03.2026



