In der Wüste von Nevada ist gerade die Zukunft der deutschen Industrie neu geschrieben worden. Siemens $SIE (-1,22 %) Chef Roland Busch verkündete auf der CES, es solle in jeder Fabrik der Welt „Physical AI“ geben. Hier geht es um Künstliche Intelligenz (KI), die Dinge tut. Busch vergleicht das in seiner Tragweite sogar mit der Erfindung der Elektrizität.
Busch und Nvidia $NVDA (+1,14 %) Chef Jensen Huang wollen ein „Betriebssystem für industrielle KI“ bauen, also ein Betriebssystem für die industrielle Fertigung, das KI tief in die physische Welt integriert.
Siemens bringt sein großes Wissen über Automatisierung, Fabriken und Industriesoftware ein, Nvidia liefert seine KI-Hardware (GPUs), Simulationsplattformen (Omniverse) und KI-Algorithmen („Agentic AI“). Siemens liefert die Baupläne der Industrie, Nvidia das „Gehirn“.
Damit will Siemens aus der „Old Economy“-Bewertung heraus. Wird man als Partner von Nvidia wahrgenommen, steigen die Multiples – also das, was Anleger bereit sind, für deine Gewinne zu zahlen.
Siemens notiert mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 23, Nvidias Gewinne werden mit einem KGV von 40 fast doppelt so hoch bewertet. Unser Kollege Steffen Bosse schreibt: „Auf Augenhöhe mit Nvidia“. Das hieße, dass die Siemens-Aktie deutliches Potenzial hätte.
Beispiel: Pepsico $PEP (-0,71 %). Die Firma nutzt den neuen „Digital Twin Composer“ von Siemens. Damit werden digitale Zwillinge der Fabriken gebaut. Bevor in der echten Welt auch nur eine Schraube gedreht wird, läuft die Fabrik schon virtuell.
Laut Pepsico wurde so eine Gatorade-Fabrik innerhalb von drei Monaten um 20 Prozent effizienter gemacht. Und – das ist Musik in den Ohren jedes CFOs – die Investitionskosten sanken um bis zu 15 Prozent. Das ist bares Geld.
Beispiel: Siemens und Nvidia. Die Vision ist, Produkte und ganze Fabriken zuerst vollständig virtuell zu simulieren (im „Metaverse“), bevor sie physisch gebaut werden. Nvidia nutzt zum Beispiel Siemens-Software, um seine eigenen neuen Chips „Vera Rubin“ und die Kühlsysteme seiner „AI Factories“ zu simulieren. Siemens wiederum nutzt Nvidias KI, um Designprozesse (EDA) zu beschleunigen.
Fabriken sollen hochgradig automatisiert werden, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken und Energie zu sparen. Jensen Huang betont, dass KI das Programmieren von Robotern revolutioniert, da die KI nun selbstständig lernen kann.
Beispiel: Siemens und Meta $META (+1,15 %). Es geht um die Ray-Ban Smart Glasses für Fabrikarbeiter. Das heißt „Immersive Engineering“. Man steht an der Maschine, guckt drauf, und die Brille blendet ein, welcher Schalter umgelegt werden muss oder schaltet einen Experten dazu.
Siemens positioniert sich als das Bindeglied. Nvidia ist für die Power zuständig, Meta für das Interface und Siemens für die Anwendung.
Wie sehen das die Analysten?
In einer Analyse von Bernstein Research nutzen die Analysten einen Vergleich aus dem Film „Matrix“. Sie sagen: Investoren müssen sich entscheiden. Nimmt man die „Blaue Pille“ und glaubt, der Hype geht vorbei? Oder nimmt man die „Rote Pille“ und der KI-Boom ist echt?
Ist er echt, werden Rechenzentren, Stromnetze und Automatisierung gebraucht. Bernstein setzt auf Übergewichten. Siemens ist quasi der Schaufelverkäufer im KI-Goldrausch – ohne Strom und Steuerung gibt es keine KI.
Für das Depot heißt das: Siemens ist einer der wenigen deutschen Werte, die global im KI-Spiel mitmischen. Sie haben die Hardware, sie haben die Software – und sie haben die Freunde im Silicon Valley.
Siemens bleibt ein Basis-Investment, das jetzt eine kräftige Portion Tech-Fantasie dazu bekommt. Die Aktie ist bereits gut gelaufen und man kann nicht mit einer schnellen Kursverdopplung rechnen. Analysten sehen kurzfristig lediglich drei Prozent Kurspotenzial
Sollte sich aber herumsprechen, dass KI real und Siemens ein Teil von KI ist, könnte die Aktie weiter laufen. Mit einem Börsenwert von 200 Milliarden Euro ist angesichts der billionenschweren Bewertung der Big-Tech-Akteure auch für Siemens noch deutlich mehr drin.
Quelle: WELT, 09.01.26

