"Bitcoin ist nutzlos, niemand bezahlt damit!"
Diesen Satz hört man - so oder so ähnlich - relativ oft. Von Kritikern, in Kommentarspalten, manchmal sogar von Leuten, die selbst $BTC (-0,95 %) halten. Und auf den ersten Blick klingt das Argument ja auch logisch:
Wenn Bitcoin Geld sein soll - und dann auch noch das Geld mit den besten Eigenschaften - warum bezahlt dann fast niemand damit?
Die Antwort darauf liefert die Ökonomie, genauer gesagt zwei Gesetze, die seit Jahrhunderten beschreiben, wie Menschen sich verhalten, wenn verschiedene Geldformen nebeneinander existieren.
In meinem Beitrag zu "Was ist eigentlich Geld?" https://getqu.in/XMAb83/ haben wir uns den sog. Konvergenzprozess angeschaut - also den Weg, den ein Gut durchlaufen muss, um zu Geld zu werden: erst Wertspeicher, dann Zahlungsmittel, dann Recheneinheit.
Heute schauen wir uns an, warum diese Reihenfolge zwingend ist, warum Bitcoin aktuell in Phase 1 steckt und welcher Mechanismus den Übergang zu Phase 2 auslöst.
Greshams Gesetz: Schlechtes Geld verdrängt gutes Geld
Das Prinzip ist nach dem englischen Finanzberater Sir Thomas Gresham benannt, der es im 16. Jahrhundert gegenüber Queen Elizabeth I. formulierte. Beobachtet wurde es aber schon in der Antike.
Die Kurzfassung:
Wenn zwei Geldformen gleichzeitig existieren, geben Menschen das schlechte Geld aus und behalten das Gute.
Das klingt erstmal abstrakt, deshalb ein konkretes Beispiel:
Im England des 16. Jahrhunderts mischte König Heinrich VIII. billiges Kupfer in die Silbermünzen. Die Münzen hatten offiziell den gleichen Nennwert, aber die alten, reinen Silbermünzen waren natürlich mehr wert. Was passierte also?
Die Menschen bezahlten mit den neuen, minderwertigen Kupfer-Silber-Münzen und horteten die alten, reinen Silbermünzen. Das gute Geld verschwand aus dem Umlauf.
Genau dieses Prinzip erklärt, warum im Westen kaum jemand mit Bitcoin bezahlt.
Stellt euch vor, ihr habt 100€ und 100€ in Bitcoin. Ihr wollt eine Pizza kaufen. Welches Geld gebt ihr aus?
Den Euro natürlich. Der Euro verliert jedes Jahr an Kaufkraft. Der Euro ist wie ein schmelzender Eiswürfel, den man aus der Hand geben möchte bevor er noch weiter schmilzt.
Bitcoin dagegen ist auf knapp 21 Millionen Einheiten begrenzt. Niemand kann neue Bitcoin "drucken". Die Tendenz über jeden längeren Zeitraum: steigende Kaufkraft. Warum solltet ihr eure Pizza also mit einem Asset bezahlen, das in fünf Jahren womöglich sehr viel mehr wert sein wird, wenn ihr die Pizza auch mit Euro bezahlen könnt, der bis dahin garantiert weniger wert sein wird?
Genau. Würdet ihr nicht. Und das ist Greshams Gesetz in Aktion.
Das Horten von Bitcoin ist also kein Bug - es ist ein Feature.
Es ist der Beweis dafür, dass Menschen Bitcoin als das härtere, bessere Geld wahrnehmen. Denn nur "gutes Geld" wird gehortet. Schlechtes Geld gibt man so schnell wie möglich aus.
Übrigens hat auch Gold in der Geschichte genau dieselbe Phase durchlaufen. Niemand hat jemals freiwillig mit Goldmünzen bezahlt, solange er auch Papierscheine ausgeben konnte. Das Ergebnis kennen wir.
Und damit sind wir auch direkt beim Konvergenzprozess:
Greshams Gesetz erklärt, warum Bitcoin wenig als Transaktionsmittel genutzt wird und stattdessen eher gehortet wird.
Die Zahlungsmittelfunktion kann nicht vor der Wertspeicherfunktion kommen, weil rationale Menschen ein überlegenes Geld zunächst horten, bevor sie damit bezahlen. Das ist kein Fehler im System. Das ist der Prozess.
Aber wenn Bitcoin ewig nur gehortet wird, kann es ja nie zu einem Transaktionsmittel und damit auch nie zu Geld werden, oder? Doch. Und dafür gibt es ebenfalls ein Gesetz.
Thiers' Gesetz: Gutes Geld verdrängt schlechtes Geld
Benannt wurde es vom Ökonomen Peter Bernholz zu Ehren des französischen Politikers Adolphe Thiers. Es beschreibt die Umkehrung von Greshams Gesetz:
Wenn das schlechte Geld so schlecht wird, dass die Menschen das Vertrauen komplett verlieren, dreht sich das Spiel um. Dann verdrängt das gute Geld das Schlechte.
Der Kipppunkt ist erreicht, wenn Händler und Verkäufer das schlechte Geld nicht mehr akzeptieren wollen - egal, was der Staat vorschreibt. In der Weimarer Republik 1923 weigerten sich Bauern, ihre Lebensmittel für wertlose Reichsmark zu verkaufen. In Zimbabwe 2009 akzeptierte praktisch niemand mehr den Zimbabwe-Dollar - die Wirtschaft stellte auf US-Dollar und Tauschhandel um. Das waren Momente, in denen Thiers' Gesetz Greshams Gesetz ablöste.
Im Kontext des Konvergenzprozesses beschreibt Thiers' Gesetz den Trigger für den Übergang von Phase 1 (Wertspeicher) zu Phase 2 (Zahlungsmittel). Wenn Fiatwährungen so schlecht werden, dass es nicht mehr als Zahlungsmittel taugt, füllt das härtere Geld diese Lücke.
Und genau das passiert heute - nicht in Europa, aber in vielen Teilen der Welt.
Ein Blick in den globalen Süden
Während wir in Deutschland Bitcoin primär als Investment betrachten und es sich bis auf Investoren relativ wenig Beliebtheit erfreut, kann es in Ländern mit instabilen Währungen bereits eine Art Notwendigkeit sein. Dort geht es nicht einfach nur um "Number go up" - dort geht es darum, die eigene Kaufkraft irgendwie vor dem Zerfall der Landeswährung zu retten und um sich vor autoritären Herrschern zu schützen.
Quelle: https://www.statista.com/forecasts/1452605/share-of-cryptocurrency-owners-in-selected-countries-worldwide/
Das Muster ist eindeutig: Die Länder mit der höchsten Krypto-Adoption sind fast ausnahmslos Länder mit schwachen Währungen - Türkei (55%), Nigeria (42%), Argentinien (30%)... Die leider oft arme Bevölkerung dort verwendet nicht Bitcoin & Co., weil sie spekulieren wollen. Sie nutzen es gezwungenermaßen, weil ihre Landeswährungen versagen.
Das ist Thiers' Gesetz in Reinform: Dort, wo Fiat versagt, wird Bitcoin nicht mehr nur gehortet, sondern aktiv genutzt. Der Konvergenzprozess läuft in diesen Ländern bereits in Richtung Phase 2.
Der Spieltheoretiker Prof. Rieck beschreibt Bitcoin in seinem Buch "Der Bitcoin-Gelduntergang" als eine "Wette auf den Gelduntergang" des Fiat-Systems. Und er hat damit nicht unrecht. Je schlechter unser Fiat-Geldsystem wird, desto mehr rückt Bitcoin als Alternative in den Vordergrund.
Regierungen haben immer den Anreiz, mehr Geld zu drucken - für Kriege, Krisen, Wahlversprechen. Dieser Anreiz verschwindet nicht. Das bedeutet nicht, dass der Euro morgen kollabiert, aber solange die strukturelle Richtung bestehen bleibt, baut sich der Druck in Richtung Thiers' Gesetz kontinuierlich auf. Es ist weniger eine Frage des Ob als eine Frage des Wann.
Wer heute Bitcoin hält, während er Euro ausgibt, wettet also nicht blind auf den Untergang des Euro. Er handelt nach demselben ökonomischen Prinzip, nach dem Menschen seit Jahrhunderten das härtere Geld behalten und das schwächere ausgeben.
Und was viele nicht sehen: Bitcoin muss für den weiteren Konvergenzprozess gar nichts tun. Bitcoin bleibt einfach Bitcoin. Der Wandel kommt nicht, weil sich Bitcoin verändert. Er kommt, weil sich Fiat verändert.
Fazit
Dass heute kaum jemand mit Bitcoin beim Bäcker bezahlt, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Greshams Gesetz in Aktion - und damit ein Zeichen von Stärke. Wir befinden uns in der Akkumulationsphase eines überlegenen Geldes. Diejenigen, die heute Fiat ausgeben und Bitcoin behalten, handeln ökonomisch völlig rational.
Die Geschichte zeigt uns, was als Nächstes kommt. Sobald das Vertrauen in Fiat-Währungen erodiert - und in weiten Teilen der Welt passiert das bereits - kippt die Dynamik. Dann verdrängt das gute Geld das schlechte. Thiers' Gesetz löst Greshams Gesetz ab. Die Wertspeicher-Phase geht über in die Zahlungsmittel-Phase. Der Konvergenzprozess schreitet voran.
Wie siehts da bei euch aus? Bezahlt ihr manchmal mit Bitcoin, oder seid ihr eher Team "HODL und Fiat ausgeben"?
#bitcoin