Warum verkaufen so viele Anleger ausgerechnet ihre Gewinner und halten die Verlierer?
Warum überzeugt eine gut erzählte Aktien-Story oft mehr als die nüchterne Zahlenlage?
Und warum fühlt sich ein Minus im Depot schlimmer an, als ein gleich großes Plus sich gut anfühlt?
Die Antworten liefert nicht die Finanztheorie, sondern die Psychologie – genauer: der Nobelpreisträger Daniel Kahneman.
Seine zentrale These: Die teuersten Fehler an der Börse entstehen nicht durch fehlende Informationen, sondern durch die Art, wie unser Gehirn vorhandene Informationen verarbeitet. Am stärksten schlägt das unter Unsicherheit, Zeitdruck und Komplexität durch – also genau unter Börsenbedingungen. Kahneman beschreibt Denken als Zusammenspiel zweier Systeme:
System 1 arbeitet schnell, automatisch und emotional
System 2 langsam, bewusst und prüfend
Weil eine vollständige Analyse aller Daten praktisch nie möglich ist, übernimmt bei Marktentscheidungen meist System 1 – und greift auf Heuristiken zurück, also vereinfachende Denkregeln und genau dort entstehen systematische Fehler:
Verlustaversion (Loss Aversion): Verluste wiegen psychologisch schwerer als gleich hohe Gewinne. Kahneman und Tversky beziffern das Verhältnis auf rund 2,25 zu 1 – ein Verlust von 100 € schmerzt etwa so stark, wie ein Gewinn von 225 € erfreut. In der Praxis führt das zum sogenannten Dispositionseffekt: Gewinner werden zu früh verkauft (um den Gewinn „sicher" zu machen), Verlierer zu lange gehalten (um den Verlust nicht realisieren zu müssen) – die genau falsche Reihenfolge.
Ankereffekt (Anchoring): Eine früh gesehene Zahl – der Einstiegskurs, ein altes Allzeithoch, ein fremdes Kursziel – setzt sich als innerer Bezugspunkt fest und prägt spätere Urteile, selbst wenn sie sachlich kaum begründet ist. Der eigene Kaufkurs ist der klassische Anker: Für die Frage, ob ein Unternehmen heute unter- oder überbewertet ist, ist er völlig irrelevant – trotzdem misst fast jeder daran.
WYSIATI („What You See Is All There Is"): Aus den gerade sichtbaren Informationen entsteht ein in sich stimmiges, vollständig wirkendes Urteil – und was nicht sichtbar ist, wird ausgeblendet. Eine plausible Story mit drei Datenpunkten überzeugt oft mehr als eine unbequeme, unvollständige Faktenlage. Das erklärt, warum eine gut erzählte Aktien-Story so verführerisch wirkt.
Selbstüberschätzung (Overconfidence): Entscheider überschätzen die Treffsicherheit ihrer Prognosen und ihre Kontrolle über den Ausgang. Das äußert sich in zu hoher Handelsfrequenz, zu großen Einzelpositionen und dem Gefühl, den Markt „lesen" zu können.
Ergänzend erklärt die Prospect Theory, warum das kein Zufall ist:
Menschen bewerten Ergebnisse nicht in absoluten Beträgen, sondern als Gewinn oder Verlust relativ zu einem Referenzpunkt – und sie gewichten Wahrscheinlichkeiten verzerrt. Sichere Ergebnisse werden übergewichtet, ebenso seltene Extremereignisse (der große Crash, der Ver-Zehnfacher), während die wahrscheinlichen, unspektakulären Verläufe
unterschätzt
werden.
Insgesamt liegt der eigentliche Nachteil des Privatanlegers aus meiner Sicht selten im Informationszugang, aber in diesen vorhersehbaren Reaktionsmustern. Und das ist die unbequeme Pointe: Der stärkste Gegenspieler im Depot ist nicht der Markt, sondern das eigene System 1.
Quellen:
Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow
Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk
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