$NVDA (-0,69 %) und andere reine KI-Firmen werden derzeit abgestraft, weil viele Marktteilnehmer befürchten, dass KI eine Blase sein könnte. Gleichzeitig geraten aber auch klassische Software-Vendoren wie $SAP (+0,26 %) oder $IBM (+0,27 %) unter Druck – ironischerweise mit der Begründung, dass KI mittlerweile bessere Software entwickeln könne. Und Energieunternehmen werden ebenfalls argwöhnisch beäugt.
Das alles kann eigentlich nicht gleichzeitig stimmen und passt logisch nicht zusammen.
Meiner Meinung nach herrscht im Markt momentan eine weitgehend unbegründete Angst vor jeder Art von Veränderung. Diese Furcht führt zu einer merkwürdigen Zurückhaltung und füttert gleichzeitig die Doomsday-Apologeten.
Nüchtern betrachtet ist die These „KI ersetzt klassische Software“ bei genauerem Hinsehen sehr fragwürdig – vor allem bei geschäftskritischen Anwendungen:
Stellt euch vor, jeder Anwender baut sich mit KI einfach seine eigene Buchhaltungssoftware. Klingt erstmal verlockend. Aber in der Praxis muss ein Buchhaltungssystem zuverlässig und deterministisch funktionieren. Genau das leisten moderne Large Language Models und neuronale Netze aber nicht.
Neuronale Netze sind in der Regel nicht deterministisch (oder nur unter sehr engen Bedingungen). Noch wichtiger: Eine mathematische Korrektheit lässt sich bei ihnen nicht beweisen – und das Problem der formalen Verifikation großer neuronaler Netze ist NP-hart (bzw. in vielen Fällen sogar NP-vollständig).
Das bedeutet ganz konkret: Wenn ein KI-basiertes SAP-System dreimal hintereinander exakt dieselbe Rechnung verarbeiten soll, kann man sich nicht darauf verlassen, dass wirklich immer exakt dasselbe Ergebnis herauskommt. Bei einer anderen, aber eigentlich äquivalenten Rechnung erst recht nicht.
Noch kritischer wird es in sicherheitsrelevanten Bereichen (Cybersecurity, Medizin, Luftfahrt, autonome Systeme usw.). Hier ist es essenziell, dass Bedrohungen zuverlässig und reproduzierbar erkannt werden.
Kurz gesagt: Determinismus, formale Nachweisbarkeit, Governance und verlässliche Reproduzierbarkeit sind nach wie vor extrem wichtige Werte bei Unternehmenssoftware. Deshalb sollte man den Hype „KI ersetzt bald alle klassische Software“ deutlich gelassener und kritischer betrachten.
