Es ist absolut verrückt. Die sogenannte Riester-Rente 2.0 steht in den Startlöchern und ist all das was wir uns nicht von einer „Aktienrrente“ gewünscht haben. Ich bin kein Newsportal, ich will jetzt gar nicht zu sehr auf jedes Detail eingehen und welche Varianten es gibt, sondern komme direkt zu dem Punkt warum die geplante ETF-Rente schlecht für euch ist und euch hinters Licht führt.
Kurz gesagt hat die Aktienrente einen Main Selling Point den auch die originale Riesterrente – die statt in ETFs zwangsweise in Versicherungen und Staatsschulden investiert war – auch schon hatte um Kunden zu ködern: staatliche Zuschüsse. Konkret bedeutet, dass, wenn ihr 1800€ im Jahr einzahlt schenkt euch der Staat 540€ dazu. Ist das nicht toll? Zusätzlich ist das Ganze noch steuerbegünstigt. Und genau das waren auch schon die Hauptargumente, die damals schon die Gier in den Menschen geweckt, sie in die Riester-Rente gelockt und Carsten Maschmeyer zum Ultra-Multi-Millionär gemacht haben. Wie damals freut sich auch jetzt die (Neo)-Broker-Industrie rund um Trade Republic, Scalable und Smartbroker schon jetzt wie ein Honigkuchenpferd über die vielen armen Seelen die auf die ETF-Rentendepots reinfallen werden.
Aber ETFs sind doch ein gutes Investment, was ist jetzt das Problem?
Ja, es geht diesmal gar nicht so sehr darum worin investiert wird, sondern um das wie. Wobei um das worin geht es schon auch noch. Bisher ist ja noch keine Liste aufgetaucht mit einer vollständigen Übersicht der Assets in die investiert werden darf. Ich fände es aus Comedy-Gründen unglaublich lustig, wenn man seine Rente zu einem späteren Zeitpunkt auch in einen MSCI Russia investieren und den Staat damit zu Russlandinvestments zwingen könnte. Wenn ich der Staat wäre und meine Bürger richtig hassen würde, würde ich allerdings nur europäische Investments für zulässig erklären. Das wäre auch Peak-Comedy allerdings auf unsere Kosten. Realistisch betrachtet wird interessant sein, ob es möglich ist seine Rente ausschließlich in einem anderen Land z.B. durch einen S&P500 zu investieren.
Wie gesagt, das Problem liegt aber in den Gegebenheiten drum herum. Nämlich darf man sich bei einer solchen privaten Altersvorsorge a) nicht davon täuschen lassen, welche Parameter JETZT gelten und b) sind die Parameter auch jetzt schon nicht gut.
Zum einen sind nominale Versprechen sowieso immer so eine Sache. Die 540€ die man 2026 erhält haben dank Inflation einen ganz anderen Wert als die 540€ die man 2060 erhält. „Aber Soprano, die Höhe der Förderung kann doch sicherlich angepasst werden“ Jo, und wisst ihr was noch angepasst werden kann? Die Altersgrenzen. Und hier wird es richtig übel.
Bisher ist vorgesehen, dass man sein Geld bis man 65 Jahre alt ist quasi gar nicht wiedersieht. Und danach gibt es zwangsläufig einen Auszahlungsplan bis man mindestens 85 Jahre alt ist. Und hier liegt das Problem. Es ist quasi mit der privaten Altersvorsorge überhaupt nicht vorgesehen, dass man über sein Renteneintrittsalter selbst entscheiden kann. Und das ist ein gigantischer Scam. Es geht hier nicht nur um Selbstbestimmung und dass der Auszahlungsbeginn auch nicht auf Ewigkeit bei 65 Jahren garantiert ist. Aber mal außen vorgelassen, dass man den Beginn der Auszahlungen mit einer einfachen Mehrheit im Bundestag auch auf 70, 75, 80, 105 Jahre erhöhen könnte – man muss sich auch mal die Sterbetafeln der Versicherungen anschauen, um die Wahrscheinlichkeit abschätzen zu können, überhaupt so alt zu werden.
Wenn wir jetzt nur mal vom best case ausgehen und alles so vereinbart, dass man das Geld maximal früh erhält, bedeutet das, dass es mit 65 Jahren losgeht und man mit 85 Jahren die letzte Rate erhält.
Wie viele von euch werden denn überhaupt 85 Jahre alt werden?
Das kommt zunächst mal darauf an ob man ein Mann oder eine Frau (oder eins der vielen anderen Geschlechter, die es selbstverständlich gibt) ist. Männer jedenfalls erreichen nur etwa halb so häufig diese hohen Altersbereiche wie Frauen. Die Chance für einen 1980 geborenen Mann 85 Jahre alt zu werden liegt bei schätzungsweise 35%, bei Frauen sind es um die 60%, wodurch Männer systematisch schlechtere Karten bei der Altersvorsorge haben. Das heißt der Großteil der Männer werden das Geld was sie dort einzahlen nicht wiedersehen.
Was geschieht im Todesfall?
Ehepartner können die Rente zwar vollumfänglich erben, Kinder aber nicht. Diese erhalten, wenn beide Eltern gestorben sind nur noch für eine „Garantiezeit“ weitere Auszahlungen. Ist allerdings nach Ablauf dieses garantierten Zeitraums noch zu viel Kapital in der Rente übrig, teilen sich der Staat und die Versicherung dein Geld. Praktisch, oder? Das ist übrigens auch bei der jetzigen Riesterrente der Fall und die Versicherungen erfreuen sich jährlich über 3 Mrd. Euro von zu früh verstorbenen Versicherten.
Hier liegt eben auch der Nachteil gegenüber einem normalen Depot. Ihr habt wenig Freiheit und keine Flexibilität und wenn ihr in ungünstigen Momenten sterbt ist ein Teil eures Geldes halt weg. Und mal ganz ehrlich, die Summen die in die ETF-Rente gesteckt werden dürfen sind begrenzt und halt auch zu niedrig um davon im Alter ordentlich leben zu können. Der Staat sichert sich hier einfach dagegen ab, dass einer kommt, der jetzt schon weiß, dass er kerngesund ist und mit einer halben Millionen Altersvorsorge betreibt, die der Staat dann fördern müsste.
Ziehen wir nochmal ein Fazit:
Jemand der heute 25 Jahre alt ist und dort 40 Jahre einzahlt erhält vom Staat über den Gesamtzeitraum eine Förderung in Höhe 21.600€, die nicht kaufkraftgesichert ist, sowie eine Steuerstundung - die ja vor kurzem für thesaurierende ETFs extra abgeschafft wurde. Dafür verpflichtet man sich quasi unterm Stiefel der Bundesregierung weiterzuarbeiten, bis diese einem die Gnade der Verrentung gewährt. Und wenn man dann sein Geld wirklich vollumfänglich wiedersehen will, muss man es schaffen entgegen der versicherungsmathematischen Wahrscheinlichkeit, im besten Falle ewig, weiterzuleben. Hört sich doch fair an, oder?
Diese ETF-Renten wären eine saugeile Sache, wenn die bisherige umlagefinanzierte gesetzliche Rente in Gesamtheit abgeschafft werden würde und die kapitalbasierte Rente diese vollständig ersetzt. Aber einfach so on top als zusätzlicher Weg Geld in staatliche Systeme zu investieren, dass man wahrscheinlich nie wiedersieht, ist die neue Riester-Rente nicht zu empfehlen. Wie seht ihr das?
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Nochmal ein Nachtrag: Ich habe einige Kommentar erhalten, die das neue System gut oder zumindest als Schritt in die richtige Richtung wahrnehmen. Ich würde wirklich mal hinterfragen: warum? Ein Großteil der Steuervergünstigungen gab es Jahrzehntelang beim Besparen von ETFs - bis die Vorabsteuerpauschale eingeführt wurde. Man nimmt euch mit der linken Hand ein Privileg weg und gibt es euch mit der rechten Hand wieder zurück - nur das das steuerfreie Besparen des ETFs jetzt nicht mehr in beliebiger Höhe möglich ist.
Und ich habe ehrlich gesagt auch gedacht, dass sich in einem Forum für finanzielle Freiheit alle darüber einig sind, dass es prinzipiell jeder Bürger selbst entscheiden können muss wann er nicht mehr weiterarbeiten will. Warum wird es so stigmatisiert, wenn Menschen selbst darüber entscheiden wollen, wie sie ihr Leben führen?


