1J.·

Bias der Woche: Recency Bias – Warum wir das Gestern vergessen und dem Heute zu viel Gewicht geben

(Lesedauer: ca. 6–7 Minuten)

attachment

Wir alle wollen rational entscheiden – und doch scheitern wir regelmäßig an unseren eigenen Denkmustern. In der Verhaltensökonomie gibt es eine ganze Reihe systematischer Denkfehler, sogenannte Biases, die unser Urteilsvermögen verzerren. Dazu gehören etwa der Confirmation Bias, wenn wir nur Beweise für das suchen, was wir ohnehin glauben. Der Loss Aversion Bias, der uns Verluste stärker spüren lässt als Gewinne. Der Anchoring Bias, durch den wir uns an eine irrelevante Ausgangszahl klammern. Oder der Availability Bias, der uns Ereignisse überschätzen lässt, die gerade präsent sind.


In den kommenden Wochen möchte ich diese Denkfehler einzeln beleuchten – immer mit Blick auf ihre Bedeutung für Anleger. Heute geht es um einen besonders heimtückischen: den Recency Bias.


Er beschreibt die Neigung, aktuelle Ereignisse überzubewerten und ältere Informationen zu verdrängen. Was gerade passiert ist, scheint uns wichtiger und repräsentativer als alles, was davor lag. Das Gehirn liebt einfache Muster – und zieht daraus schnelle Schlüsse. Wenn eine Aktie mehrere Wochen steigt, nehmen wir unbewusst an, dass sie weiter steigt. Wenn sie fällt, erwarten wir das Gleiche in die andere Richtung.


Im Alltag mag das harmlos sein: Nach einem guten Essen halten wir das Restaurant für dauerhaft exzellent. Nach einem schlechten Meeting glauben wir, das ganze Projekt sei gefährdet. An der Börse aber kann diese Denklücke teuer werden. Der Recency Bias sorgt dafür, dass wir kaufen, wenn Kurse schon weit gelaufen sind – und verkaufen, wenn die Stimmung am Boden ist.


Typisch ist das sogenannte Performance-Chasing: Anleger kaufen Fonds oder Aktien, die im letzten Jahr stark gestiegen sind. Studien zeigen, dass genau diese Investments in den Folgejahren oft unterdurchschnittlich abschneiden. Oder das Crash-Trauma: Nach großen Korrekturen bleiben viele jahrelang übervorsichtig. Wer 2020 während des Corona-Crashs ausgestiegen ist, hat den anschließenden Rebound häufig verpasst. Auch kurzfristige Nachrichten – ein enttäuschendes Quartal, eine Zentralbankentscheidung – verleiten dazu, ganze Strategien über Bord zu werfen, obwohl sich am fundamentalen Bild kaum etwas geändert hat.


Die Ursache liegt nicht in einer eindeutig evolutionären Programmierung, sondern in einer heuristischen Tendenz unseres Denkens. Der Mensch bewertet neue Informationen überproportional stark – besonders dann, wenn sie emotional aufgeladen sind. Dieses „mentale Kurzzeitgedächtnis“ war in dynamischen Umwelten vermutlich hilfreich, weil aktuelle Eindrücke eine schnelle Reaktion ermöglichten. Heute führt dieselbe Heuristik dazu, dass wir die letzten Kursbewegungen überbewerten und langfristige Entwicklungen ausblenden.


In der Praxis entsteht daraus ein prozyklisches Verhalten. In Bullenmärkten fließt Kapital in Risikoassets, in schwachen Phasen in Cash oder Defensivwerte. Man kauft hoch und verkauft tief – das Gegenteil von rationalem Handeln.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Während des KI-Hypes 2023 stiegen viele Anleger erst bei Titeln wie $NVDA (-2,63 %) (NVIDIA) oder $SMCI (-1,07 %) (Super Micro Computer) ein, als sie schon mehrere Hundert Prozent gelaufen waren. Defensive Titel galten als langweilig, Energie- oder Rohstoffwerte wurden ignoriert. Einige Monate später kühlte der Hype ab – und genau jene Aktien, die zuvor niemand wollte, liefen besser.


Der Recency Bias lässt sich nicht abschalten, aber zähmen. Ein klar definierter Zeithorizont hilft, ebenso feste Bewertungsmodelle, die Emotionen ausblenden. In meinem Fall übernehmen das HQR- und 10B-Modelle, die Entscheidungen auf Zahlen, Qualität und Momentum stützen statt auf Stimmung. Auch regelmäßiges Rebalancing wirkt: Wer seine Zielgewichte konsequent einhält, verkauft automatisch dort, wo die Kurse stark gestiegen sind, und kauft dort nach, wo Pessimismus überwiegt.


Hilfreich ist auch eine bewusste Verzögerung. Keine Entscheidungen direkt nach einer Kursbewegung treffen, sondern einen Tag Abstand gewinnen. Und: sich selbst dokumentieren. Ein einfaches Investment-Tagebuch zeigt schon nach wenigen Monaten, wie stark kurzfristige Emotionen die Wahrnehmung trüben.


Ein gutes Beispiel ist $INOD (-0,7 %) (Innodata). Nach enormen Kursgewinnen im KI-Hype 2023 folgte 2024 eine Halbierung. Viele sahen darin das Ende der Story. Fundamental hatte sich jedoch wenig geändert. Der Recency Bias ließ Anleger die kurzfristige Schwäche überinterpretieren – und langfristige Potenziale übersehen. Dasselbe Muster findet sich immer wieder: Energie, Halbleiter, Infrastruktur – jedes Mal, wenn ein Trend totgesagt wird, folgt später eine Erholung. Nur wenige sind dann noch investiert.


Langfristig denkende Anleger profitieren davon. Märkte übertreiben in beide Richtungen, weil Menschen kurzfristig reagieren. Diese Übertreibungen schaffen Chancen. Wer Bewertungsmodelle nutzt, Stimmungsumschwünge als Kaufgelegenheit begreift und sich an die einfache Regel erinnert, dass kein Trend ewig dauert, verschafft sich einen echten Vorteil.


Der Recency Bias ist keine Randnotiz, sondern eine zentrale Ursache vieler Fehlentscheidungen. Er verleitet dazu, den Blick auf das Naheliegende zu verengen und den Kontext zu vergessen. Wer ihn versteht, erkennt: Der Schlüssel liegt nicht darin, die Zukunft vorherzusagen, sondern die eigene Wahrnehmung zu kontrollieren.


Sofern es euch interessiert folgen in den nächsten Wochen weitere Biases – etwa Confirmation Bias, Loss Aversion, Anchoring und Overconfidence. Gemeinsam bilden sie das psychologische Fundament, auf dem Märkte gebaut sind – und das wir selten bewusst wahrnehmen.


Die entscheidende Frage bleibt also: Wie sehr lasse ich mich von meiner eigenen Kurzsichtigkeit steuern?


Was meint ihr – wie schützt ihr euch davor, nur das Letzte zu sehen, was der Markt getan hat?

39
18 Kommentare

Profilbild
Der Schutz vor diesen „Denkfallen“ kam bei mir über die Jahre bzw. mit der Erfahrung. Wobei es nicht vor schwachen Momenten schützt 😅

Ein Buch, das ich dazu empfehlen kann und mir vor Jahren sehr viel gebracht hat ist „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann.
•
8
•
Profilbild
@TomTurboInvest danke für deinen Kommentar und für die Buchempfehlung. Das Buch hat mir ebenfalls viel gebracht sodass ich mich Deiner Empfehlung entsprechend anschließen kann :)
•
2
•
@Liebesspieler @TomTurboInvestbin momentan auf der Suche nach neuem Lesestoff. Generell zu empfehlen, deute ich aus euren Aussagen?🤔
•
2
•
Profilbild
•
1
•
@Liebesspieler dann schaue ich mir es einmal an. Und vielen Dank für den Beitrag 👍
•
1
•
Profilbild
Habe mir ein kleines Fundament von den ungeschehen u.a. Dividendentiteln aufgebaut, sie halten und puffern das Portfolio wie z.b. im April 2025 gut ab und zusätzlich baue ich jetzt weiter mit Wachstum dazu
•
2
•
Profilbild
Prima Artikel in dem ich auch viel von mir wiedererkannt habe, was ich in meinen letzten Posts auch gespiegelt habe. Ein stark fallender Kurs verursachte so immer wieder Angst vor einem Totalverlust, obwohl sich am Unternehmen, wie du sehr gut beschrieben hast, nichts geändert wird. Also schnell aussteigen, den rebound verpassen und teuer wieder einsteigen.
Lehrgeld bezahlt, Fehler verstanden. Dein Post könnte junge Anleger vor diesen Fehlern bewahren, die ich noch mitgenommen habe. 👍🏼😉
•
1
•
Profilbild
ETFs (ggf. Mit Anleihen angereichert) da es hier weniger aktives managen erfordert. Also weniger Entscheidungen.
Dann möglichst auf wissenschaftlichen Konsens hören. Dann wird investieren langweiliger bzw. weniger Aufregung. Alles was man tut basiert auf Dekaden an Forschung. Bin nicht klüger, warum also Entscheidungen treffen? Ausser Grundsatzentscheidungen (z.B. wie ist meine Risikotolleranz?)
•
1
•
Profilbild
@SchlaubiSchlumpf spannender Gedankengang. Der Diskussionswillen springe ich argumentativ mal auf die andere Seite: Ich glaube, dass ETFs den Recency Bias sogar verstärken können. Durch ihre marktkapitalisierte Struktur fließt automatisch mehr Geld in die Aktien, die zuletzt stark gelaufen sind. Das führt dazu, dass vergangene Gewinner überproportional wachsen, während schwächere Titel weiter an Gewicht verlieren. So entsteht eine trügerische Diversifikation – faktisch folgt der ETF immer stärker dem Trend der Vergangenheit.
••
Profilbild
@Liebesspieler Sehr gern! Welche Marktkapitalistische Struktur meinst du? Dass ETFs das Übergewicht großer Werte verstärkt? Das sehe ich nicht bzw. Nur sehr eingeschränkt, da Preisbildung durch aktives Handeln entsteht. Viele etfs (insbesondere passive) handeln kaum. Daher machen ETFs auch nur einen Bruchteil des Handels und damit nur einen Bruchteil der Preisbildung aus.

Preisbildung entsteht eher durch aktives Management. Da wo die Leute überlegen „was ist mir die Aktie wert?“ fundamental bewerten usw.
Momentum ETFs könnten den Recency Bias weiter befeuern. Die sind aber nicht so groß. Man könnte Momentum vermutlich aber auch als regelbasiertes fremdgesteuertes aktives Management bezeichnen.
•
1
•
Profilbild
@SchlaubiSchlumpf Stimmt, klassische ETFs handeln selbst kaum – aber sie verstärken den Bias indirekt durch ihre Struktur. Weil sie nach Marktkapitalisierung gewichten, fließt in steigende Titel automatisch mehr Kapital, während fallende an Einfluss verlieren. Das ist kein aktives Handeln, aber ein passiver Verstärkungseffekt: Der Index spiegelt die Marktstimmung der letzten Monate wider und zementiert sie in der Gewichtung. Momentum-ETFs machen das bewusst – klassische ETFs tun es unbewusst, weil der Effekt automatisch durch die Indexlogik entsteht, ohne dass jemand aktiv eingreift
••
Profilbild
Hmm ja und nein. Der ETF gewichtet bei steigenden Anteilen stärker, kauft aber nicht zu. Da fließt kein Kapital.

Sie zementieren nichts, weil Börsenwert nicht funktioniert, wie ein Ballon den man aufpusten kann. Die Anteile sind nur bewertet anhand dessen, was andere bereit sind, dafür zu zahlen. Sagen wir 99,9999% aller Werte lägen in etfs. Es gäbe nur noch 5 Anteile NVIDIA „frei“ gehandelt. (Natürlich Banane Beispiel aber ich will was verdeutlichen)
Jetzt gibt es 2 aktive Manager. Solang diese beiden sagen „für die 5 Anteile ist NVIDIA 100€ wert“, ist NVIDIA für jeden ETF Besitzer 100€ wert. Wenn diese nun beschließen, dass NVIDIA 110€ Wert ist, wird zwar die Position im ETF prozentual in der Größe steigen, da er mehr wert ist, der ETF muss aber nicht handeln und damit nicht am Preis partizipieren, da die NVIDIA Position von selbst größer geworden ist. Aktiv würde nur dann gehandelt, wenn NVIDIA aus dem Index fliegt, in diesen aufgenommen wird, oder die ETF Besitzer mehr Kapital in den Markt bringen.

Sehe ich das falsch?
••
Profilbild
@SchlaubiSchlumpf danke für den spannenden Austausch. Die meisten ETFs kaufen tatsächlich physische Aktien, um ihren Index abzubilden. Bei der sogenannten „physischen Replikation“ hält der ETF die echten Titel im Portfolio, und wenn sich die Indexgewichtung ändert oder neue Mittel zufließen, muss er diese Aktien real nachkaufen. Steigt also ein Unternehmen stark, erhöht sich automatisch sein Anteil – und der ETF verstärkt diesen Trend, indem er mehr Stücke erwirbt. Es handelt sich also nicht um ein rein theoretisches Abbild, sondern um reale Kapitalströme, die Kursbewegungen durchaus beeinflussen können.
••
Profilbild
@Liebesspieler das weiß ich. Aber insbesondere wenn er die Anteile physisch hält, steigen die Anteile im Wert ja genauso. Wieder ein Beispiel.

Die Unternehmen NVIDIA, AMD, Intel liegen in einem physisch replizierten ETF. Preis je Aktie:
NVIDIA ist 50€ Marktwert 50 Mio
Intel 25€ Marktwert 100 Mio
AMD 150€ Marktwert 150 Mio

Der ETF ist Marktkapitalisierungsgewichtet.

NVIDIA ca 16,66%
Intel ca 33,33%
AMD hat 50% der Marktkapitalisierung.

Der ETF ist 300€ wert, da ich keine krummen Zahlen mag. Der ETF hält daher:

1 Anteil NVIDIA=50€
4 Anteile Intel = 100€
1 Abteil AMD =150€

Nun verdoppelt sich Intel Auf 200 Mio€. Ich habe nun

NVIDIA ist 50€ Marktwert 50 Mio
Intel 50€ Marktwert 200 Mio
AMD 150€ Marktwert 150 Mio

Was Gewichtung neu im ETF:

NVIDIA ca 12,5%%
Intel ca 50%
AMD hat 37,5%

Mein ETF ist ebenfalls angestiegen auf 400 Euro. Ich muss also halten:

NVIDIA 12,5%*400€=50€=1 Anteil je 50€
Intel 50%*400€=200,00 €= 4 Anteile je 50€
AMD. 37,5%*400€=150,00 € = 1 Anteil je 150€

Der ETF musste also nie handeln. Er hatte vorher und nachher die gleichen Anteile, da die höhere Bewertung von Intel zwar die Gewichtung im ETF geändert hat, aber auch den Wert der gehaltenen Anteile
••
Profilbild
@SchlaubiSchlumpf aber ist es nicht so: wenn der ETF die Aktien physisch hält, steigen deren Werte natürlich mit. Entscheidend ist aber der Kapitalfluss bei Neuanlagen: Fließt frisches Geld in den ETF, wird es proportional zu den aktuellen Indexgewichten investiert – also mehr in die Aktien, die zuletzt am stärksten gestiegen sind. Dadurch verstärkt sich der Trend strukturell, auch wenn der ETF selbst passiv bleibt. Das ist genau der Punkt, an dem Recency Bias und Indexlogik zusammenwirken.
••
Profilbild
@Liebesspieler hmmm grundsätzlich ja. Umgeht man ein bisschen mit Value ETFs. Meine persönliche Einschätzung ist, dass der neue Kapitalzufluss nicht so dramatisch ist. In gut Funktionierenden Märkten wird das abarbitriert. Es wird viele aktive Manager geben, die den Wert verkaufen, sobald sie den Wert zu hoch einschätzen. Hätte also was selbstregulierendes. Man sieht es ganz gut wenn neue ETFs in Indices aufgenommen werden. Meines Wissens hat das Auswirkungen auf den Kurs, aber keinen so großen. Und da dürften verdammt viele Anteile „zeitgleich“ gekauft werden.
••
Profilbild
@SchlaubiSchlumpf Stimmt – auf lange Sicht reguliert sich das durch Arbitrage und aktive Manager meist selbst. Trotzdem wirkt der Mechanismus kurzfristig prozyklisch: Wenn frisches Geld in ETFs fließt, wird es überproportional in die zuletzt stärksten Titel gelenkt. Das treibt Momentum-Phasen zusätzlich an, auch wenn sich das später wieder ausgleicht. In liquiden Märkten ist das kein Drama, aber der Verstärkungseffekt ist real – nur eben temporär, nicht dauerhaft.
•
1
•
Profilbild
Great article! I will be happy to read the other ones :-)
•
1
•
Werde Teil der Community