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Wir alle wollen rational entscheiden – und doch scheitern wir regelmäßig an unseren eigenen Denkmustern. In der Verhaltensökonomie gibt es eine ganze Reihe systematischer Denkfehler, sogenannte Biases, die unser Urteilsvermögen verzerren. Dazu gehören etwa der Confirmation Bias, wenn wir nur Beweise für das suchen, was wir ohnehin glauben. Der Loss Aversion Bias, der uns Verluste stärker spüren lässt als Gewinne. Der Anchoring Bias, durch den wir uns an eine irrelevante Ausgangszahl klammern. Oder der Availability Bias, der uns Ereignisse überschätzen lässt, die gerade präsent sind.
In den kommenden Wochen möchte ich diese Denkfehler einzeln beleuchten – immer mit Blick auf ihre Bedeutung für Anleger. Heute geht es um einen besonders heimtückischen: den Recency Bias.
Er beschreibt die Neigung, aktuelle Ereignisse überzubewerten und ältere Informationen zu verdrängen. Was gerade passiert ist, scheint uns wichtiger und repräsentativer als alles, was davor lag. Das Gehirn liebt einfache Muster – und zieht daraus schnelle Schlüsse. Wenn eine Aktie mehrere Wochen steigt, nehmen wir unbewusst an, dass sie weiter steigt. Wenn sie fällt, erwarten wir das Gleiche in die andere Richtung.
Im Alltag mag das harmlos sein: Nach einem guten Essen halten wir das Restaurant für dauerhaft exzellent. Nach einem schlechten Meeting glauben wir, das ganze Projekt sei gefährdet. An der Börse aber kann diese Denklücke teuer werden. Der Recency Bias sorgt dafür, dass wir kaufen, wenn Kurse schon weit gelaufen sind – und verkaufen, wenn die Stimmung am Boden ist.
Typisch ist das sogenannte Performance-Chasing: Anleger kaufen Fonds oder Aktien, die im letzten Jahr stark gestiegen sind. Studien zeigen, dass genau diese Investments in den Folgejahren oft unterdurchschnittlich abschneiden. Oder das Crash-Trauma: Nach großen Korrekturen bleiben viele jahrelang übervorsichtig. Wer 2020 während des Corona-Crashs ausgestiegen ist, hat den anschließenden Rebound häufig verpasst. Auch kurzfristige Nachrichten – ein enttäuschendes Quartal, eine Zentralbankentscheidung – verleiten dazu, ganze Strategien über Bord zu werfen, obwohl sich am fundamentalen Bild kaum etwas geändert hat.
Die Ursache liegt nicht in einer eindeutig evolutionären Programmierung, sondern in einer heuristischen Tendenz unseres Denkens. Der Mensch bewertet neue Informationen überproportional stark – besonders dann, wenn sie emotional aufgeladen sind. Dieses „mentale Kurzzeitgedächtnis“ war in dynamischen Umwelten vermutlich hilfreich, weil aktuelle Eindrücke eine schnelle Reaktion ermöglichten. Heute führt dieselbe Heuristik dazu, dass wir die letzten Kursbewegungen überbewerten und langfristige Entwicklungen ausblenden.
In der Praxis entsteht daraus ein prozyklisches Verhalten. In Bullenmärkten fließt Kapital in Risikoassets, in schwachen Phasen in Cash oder Defensivwerte. Man kauft hoch und verkauft tief – das Gegenteil von rationalem Handeln.
Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Während des KI-Hypes 2023 stiegen viele Anleger erst bei Titeln wie $NVDA (-2,63 %) (NVIDIA) oder $SMCI (-1,07 %) (Super Micro Computer) ein, als sie schon mehrere Hundert Prozent gelaufen waren. Defensive Titel galten als langweilig, Energie- oder Rohstoffwerte wurden ignoriert. Einige Monate später kühlte der Hype ab – und genau jene Aktien, die zuvor niemand wollte, liefen besser.
Der Recency Bias lässt sich nicht abschalten, aber zähmen. Ein klar definierter Zeithorizont hilft, ebenso feste Bewertungsmodelle, die Emotionen ausblenden. In meinem Fall übernehmen das HQR- und 10B-Modelle, die Entscheidungen auf Zahlen, Qualität und Momentum stützen statt auf Stimmung. Auch regelmäßiges Rebalancing wirkt: Wer seine Zielgewichte konsequent einhält, verkauft automatisch dort, wo die Kurse stark gestiegen sind, und kauft dort nach, wo Pessimismus überwiegt.
Hilfreich ist auch eine bewusste Verzögerung. Keine Entscheidungen direkt nach einer Kursbewegung treffen, sondern einen Tag Abstand gewinnen. Und: sich selbst dokumentieren. Ein einfaches Investment-Tagebuch zeigt schon nach wenigen Monaten, wie stark kurzfristige Emotionen die Wahrnehmung trüben.
Ein gutes Beispiel ist $INOD (-0,7 %) (Innodata). Nach enormen Kursgewinnen im KI-Hype 2023 folgte 2024 eine Halbierung. Viele sahen darin das Ende der Story. Fundamental hatte sich jedoch wenig geändert. Der Recency Bias ließ Anleger die kurzfristige Schwäche überinterpretieren – und langfristige Potenziale übersehen. Dasselbe Muster findet sich immer wieder: Energie, Halbleiter, Infrastruktur – jedes Mal, wenn ein Trend totgesagt wird, folgt später eine Erholung. Nur wenige sind dann noch investiert.
Langfristig denkende Anleger profitieren davon. Märkte übertreiben in beide Richtungen, weil Menschen kurzfristig reagieren. Diese Übertreibungen schaffen Chancen. Wer Bewertungsmodelle nutzt, Stimmungsumschwünge als Kaufgelegenheit begreift und sich an die einfache Regel erinnert, dass kein Trend ewig dauert, verschafft sich einen echten Vorteil.
Der Recency Bias ist keine Randnotiz, sondern eine zentrale Ursache vieler Fehlentscheidungen. Er verleitet dazu, den Blick auf das Naheliegende zu verengen und den Kontext zu vergessen. Wer ihn versteht, erkennt: Der Schlüssel liegt nicht darin, die Zukunft vorherzusagen, sondern die eigene Wahrnehmung zu kontrollieren.
Sofern es euch interessiert folgen in den nächsten Wochen weitere Biases – etwa Confirmation Bias, Loss Aversion, Anchoring und Overconfidence. Gemeinsam bilden sie das psychologische Fundament, auf dem Märkte gebaut sind – und das wir selten bewusst wahrnehmen.
Die entscheidende Frage bleibt also: Wie sehr lasse ich mich von meiner eigenen Kurzsichtigkeit steuern?
Was meint ihr – wie schützt ihr euch davor, nur das Letzte zu sehen, was der Markt getan hat?
