Liebe Community,
in der letzten Analyse haben wir gesehen, wie die Nuklear-Renaissance und SMRs den gewaltigen Stromhunger der KI-Rechenzentren stillen sollen. Doch während die Welt über Megawattstunden und Stromnetze debattiert, bleibt die größte Herausforderung der Dekarbonisierung oft im Schatten: die industrielle Prozesswärme.
Stahlwerke, Chemieparks und Glasfabriken benötigen keine Batterien für Laptops – sie benötigen konstante Hitze von 500 bis über 1.500 Grad Celsius. Bisher war Erdgas hier alternativlos. Doch eine neue Generation von „Schaufelverkäufern“ schickt sich an, diesen Markt zu revolutionieren. Wer die Brücke von der Energieerzeugung zur thermischen Speicherung schlägt, findet Unternehmen, die fernab vom Tech-Hype systemkritische Infrastruktur für die nächsten 50 Jahre bauen.
Nach Wasser und Atomkraft werfen wir also einen Blick auf die „Thermodynamik-Champions“ – jene Unternehmen, die Hitze speichern, Dampf kontrollieren und die Erde als ewige Batterie nutzen. Es ist der nächste logische und noch massiv unterschätzte Schritt.
Während alle über Strom reden, ist die industrielle Prozesswärme der "Elefant im Raum". Die Industrie verbraucht weltweit mehr Energie für Wärme als für Strom. Hier entsteht gerade ein gigantischer Markt, der die Lücke zwischen fluktuierenden Erneuerbaren und dem konstanten Hunger der Fabriken schließt.
Die drei Säulen der Analyse:
- Thermische Batterien (Iron & Brick Storage). Unternehmen entwickeln Systeme, die überschüssigen Wind- oder Solarstrom nutzen, um riesige Blöcke aus Graphit, Schamottstein oder geschmolzenem Salz zu erhitzen. Diese "Batterien" geben die Energie dann über Tage als Prozessdampf ab. Wichtige Player sind hier Rondo Energy (unterstützt von Bill Gates) oder börsennotierte Konzerne wie Alfa Laval.
- Geothermie 2.0 (Next-Gen Geothermal). Dank Bohrtechnologie aus dem Öl-Sektor kann man heute tiefer und präziser bohren als je zuvor (Enhanced Geothermal Systems). Das Ziel ist es, überall auf der Welt grundlastfähige Erdwärme anzuzapfen, nicht nur an vulkanischen Hotspots.
- Die Schnittstelle zum Atom-Bericht (VHTR). Die neue Generation der Very High Temperature Reactors (VHTR) produziert nicht nur Strom, sondern direkt industrielle Hitze. Das macht sie zu direkten Partnern für Chemieparks wie BASF oder Dow. SMRs können so nicht nur Rechenzentren füttern, sondern ganze Industriecluster dekarbonisieren.
1. Die Spezialisten für Wärmeübertragung & Speicherung
Alfa Laval ($ALFA (+0,8 %)
) ist ein schwedisches Urgestein und Weltmarktführer bei Wärmetauschern. Ohne diese Technologie funktioniert kein thermischer Speicher und kein Fernwärmenetz. Das Unternehmen fertigt zudem Separatoren und Filtersysteme für die Prozessindustrie.
- Geschäftsmodell: Der Umsatz wird durch Anlagenverkäufe und projektbezogene Lieferungen erzielt. Besonders lukrativ sind jedoch die wiederkehrenden Erlöse aus dem globalen Service- und Ersatzteilnetzwerk (Wartung, Inspektion, Retrofit).
- Chancen & Risiken: Als Technologieführer profitiert Alfa Laval massiv von der Dekarbonisierung und grünem Wasserstoff. Ein Risiko bleibt jedoch die Abhängigkeit von globalen Zyklen im Schiffbau und der Ölindustrie. Preisdruck durch günstigere Wettbewerber und schwankende Rohstoffkosten können die Margen belasten. Ein wichtiger Checkpunkt sind die Auftragseingänge im Bereich „Marine“ (CO2-Abscheidung).
GEA Group ($G1A (+0,27 %)
) hat sich als Spezialist für Prozesstechnik etabliert, wobei der Fokus stark auf der „Heating & Refrigeration“-Sparte liegt. Sie bauen gigantische industrielle Wärmepumpen, die Abwärme aus Fabriken oder Rechenzentren wieder nutzbar machen.
- Geschäftsmodell: GEA liefert sowohl Einzelmaschinen als auch komplette Produktionslinien für die Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Das After-Sales-Geschäft mit hohen Margen stabilisiert die Umsätze und verlängert Kundenbeziehungen durch digitale Optimierungstools.
- Chancen & Risiken: Das Modell ist sehr defensiv und profitiert von der stabilen Nachfrage nach Hygiene- und Effizienzlösungen. Ein Nachteil sind die im Vergleich zu Tech-Playern geringeren Wachstumsraten. Zudem können schwankende Auftragseingänge bei Großprojekten den Cashflow kurzfristig belasten. Investoren sollten die Margenentwicklung der Wärmepumpen-Sparte genau beobachten.
Spirax-Sarco Engineering ($SPX (+0,83 %)
) ist der britische Marktführer für Dampfsysteme. Da Energie in der Industrie meist über Dampf transportiert wird, rüstet Spirax Fabriken weltweit auf elektrische Dampferzeugung und hocheffiziente Kondensatsysteme um.
- Geschäftsmodell: Das Unternehmen kombiniert Produktverkäufe (Ventile, Pumpen, Regeltechnik) mit intensiver Engineering-Beratung und Wartungsverträgen. Es besteht ein starker Fokus auf Aftermarket-Beziehungen.
- Chancen & Risiken: In Branchen wie Chemie oder Pharma ist Dampf alternativlos, was Spirax eine starke Marktführerschaft und Preissetzungsmacht (Burggraben) verleiht. Die Bewertung (KGV) ist jedoch oft sehr hoch, und es besteht ein Wechselkursrisiko durch das britische Pfund. Kritisch zu prüfen ist, ob die Integration neuer Zukäufe im Bereich der elektrischen Thermo-Lösungen reibungslos gelingt.
2. Geothermie & Fernwärme-Infrastruktur
Ormat Technologies ($ORA (-3,54 %)
) ist der wohl bekannteste „Pure Play“ für Geothermie. Sie bauen und betreiben Anlagen, die Erdwärme in Strom und Nutzwärme umwandeln. Ormat Technologies ist hier der etablierte Marktführer.
- Geschäftsmodell: Als vertikal integrierter Anbieter verdient Ormat am Anlagenbau, dem Verkauf von OEM-Equipment sowie an langfristigen Stromlieferverträgen (PPAs). Das Portfolio wird aktuell um Energiespeicher und Solar-Hybridlösungen erweitert.
- Chancen & Risiken: Ormat ist ein Profiteur des US-Inflation Reduction Act und bietet echte, erneuerbare Grundlastfähigkeit. Risiken liegen in der Natur des Geschäfts: Geothermie ist kapitalintensiv, und es bestehen Bohr- sowie Genehmigungsrisiken. Ein wichtiger Meilenstein sind die Fortschritte bei den "Enhanced Geothermal"-Pilotprojekten in Kooperation mit Google.
Ariston Group ($ARIS (-0,87 %)
) produziert hocheffiziente Lösungen für Wasser- und Raumheizung. Während viele an Privathäuser denken, liefert Ariston zunehmend Systeme für gewerbliche und industrielle Warmwasseranwendungen.
- Chancen & Risiken: Die Sanierungspflicht alter Heizsysteme in Europa ist ein massiver Treiber. Ariston hat einen starken Markennamen und Fokus auf den europäischen Kontinent. Das Risiko liegt im harten Wettbewerb mit asiatischen Giganten wie Daikin oder Samsung sowie der Abhängigkeit vom konjunkturgeplagten Bausektor. Marktanteilsgewinne bei gewerblichen Hybrid-Lösungen sind hier der entscheidende Faktor.
3. Hochtemperatur-Technologie & Materialien
Vesuvius plc ($VSVS (+0,9 %) ) ist spezialisiert auf feuerfeste Materialien (Refractories). Diese sind essenziell, um Wärme bei bis zu 1.500 Grad in Speichersystemen zu halten, ohne dass die Anlage schmilzt.
- Chancen & Risiken: Als Nischenspezialist ist Vesuvius unverzichtbar für die neue Speicher-Infrastruktur. Das größte Risiko ist jedoch die enge Kopplung an die derzeit kriselnde Stahlindustrie. Investoren sollten darauf achten, wie schnell der Umsatzanteil außerhalb der klassischen Metallurgie (z. B. neue Energiespeicher) wächst.
SGL Carbon ($SGL (-5,84 %)
) liefert Spezialgraphit, einen der besten Wärmeleiter für extreme Temperaturen, der in Hochtemperaturöfen und chemischen Prozessen benötigt wird.
- Geschäftsmodell: SGL agiert in den Bereichen Graphitmaterialien und Verbundwerkstoffe (Carbonfasern). Sie bieten kundenspezifische Lösungen an, die oft noch speziell beschichtet oder veredelt werden.
- Chancen & Risiken: Graphit ist ein Schlüsselmaterial für die Halbleiterproduktion und das Hitze-Management moderner thermischer Batterien. SGL gilt als Turnaround-Kandidat mit strategisch wichtigem Portfolio, kämpft aber historisch mit einem volatilen Aktienkurs und hohen Erwartungen.
4. Der System-Integrator: Siemens Energy ($ENR (+0,35 %)
)
Siemens Energy deckt das gesamte Spektrum ab – von riesigen thermischen Speichern auf Vulkangesteinsbasis (ETES) bis hin zu wasserstofffähigen Gasturbinen.
- Geschäftsmodell: Einnahmen stammen aus Anlagenverkäufen, Projektengineering und langfristigen Serviceverträgen für Netzinfrastruktur und Kraftwerke. Siemens agiert oft als Generalunternehmer für die Dekarbonisierung kompletter Industriestandorte.
- Chancen & Risiken: Die breite Aufstellung macht das Unternehmen zum Profiteur der globalen Energiewende. Die Risiken liegen jedoch in den bekannten Altlasten der Windtochter Gamesa sowie in politischen Risiken und einer komplexen Konzernstruktur. Die Stabilisierung der Windsparte bleibt die Grundvoraussetzung, um das Potenzial der Wärme-Assets voll bewerten zu können.
Strategisches Fazit
Warum ist dieses Thema so spannend? Es gibt derzeit kaum „Hype“, was attraktive Einstiegskurse im Vergleich zu KI-Werten ermöglicht. Es ist ein echter ESG-Magnet, da es das schwierigste Problem der Energiewende löst. Zudem hat es einen klaren Infrastruktur-Charakter: Es geht um Hard-Assets, Patente und langfristige Industrieverträge – genau wie beim Wasser- und Atombereich. Die industrielle Wärmewende ist das fehlende Puzzleteil, um ein Energie-Portfolio zukunftssicher zu machen.
Wie schätzt ihr die Lage ein: Wird die industrielle Wärmewende als ‚schlafender Riese‘ unterschätzt, weil sie weniger medialen Hype erfährt als SMRs oder E-Mobilität? Und welche dieser Firmen hat für euch das überzeugendste Geschäftsmodell, um von der Dekarbonisierung der Industrie langfristig zu profitieren?
Viele Grüße ✌🏼
Anderlé
