Die Nordsee gilt seit Jahrhunderten als das raue Randmeer. Nun soll sie zum Herzstück der europäischen Energieversorgung werden. Vor den Küsten stehen bereits 1600 Windräder, doch das ist erst der Anfang: Bis 2050 soll die Stromerzeugung aus Offshore-Windkraft nahezu verzehnfacht werden. Das haben die Energieminister am Montag im Rahmen des Nordsee-Gipfels in Hamburg beschlossen.
Der Pakt hat das klare Ziel, die Energie- und Industriepolitik mit den wichtiger werdenden Sicherheitsinteressen zu verzahnen. So reichen die Pläne der Minister weit über die Windparks hinaus. Die Nordsee soll zu einem grenzüberschreitenden Stromdrehkreuz werden, das Europa unabhängiger von fossilen Importen macht, Strompreise stabilisiert und der Industrie langfristige Planungssicherheit gibt.
Es ist eine Weichenstellung, die auch an den Finanzmärkten wahrgenommen wird. Die langfristigen Ausbaupläne verändern die Erwartungen an einen Sektor, der schon im vergangenen Jahr ein starkes Comeback gefeiert hat. Zusätzlichen Rückenwind erhält die Branche durch den stark wachsenden und anhaltenden Energiebedarf digitaler Zukunftstechnologien, allen voran Künstlicher Intelligenz, deren Rechenzentren enorme Mengen an verlässlichem und günstigem Strom benötigen. Der Sektor erlebt gerade den perfekten Moment, um selbst zum neuen Megatrend aufzusteigen.
Anlegern dürfte das Hoffnung machen, vor allem in Kombination mit anstehenden Vorhaben wie dem Nordsee-Pakt. Schließlich geht es dabei um bis zu 100 Gigawatt Erzeugungsleistung, die grenzüberschreitend verfügbar gemacht werden. Das gebe sowohl der Windenergie- als auch der Netzindustrie über 2030 hinaus eine Planungs- und Investitionssicherheit.
Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche, die Kosten für die Stromerzeugung bis 2040 um insgesamt 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa rund 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Laut „Wind Europe“, einem Windverband, können heute schon 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit Strom versorgt werden. Bei 300 Gigawatt im Jahr 2050 könnte die Zahl auf mehr als 330 Millionen wachsen.
Es ist neue Langfristigkeit in dem Sektor, die Privatanleger neugierig machen sollte. Sie nährt die Hoffnung, dass die finanzielle Erholung der Branche eine dauerhafte Veränderung der Fundamentaldaten widerspiegelt – und nicht ebenso schnell wieder abflaut, wie sie eingetreten ist. So rechnet die UBS für dieses Jahr mit einem Gewinnwachstum in Europa. „Die attraktivsten Chancen ergeben sich aus Erneuerbaren Energien und den strukturellen Investitionen in Europa“, sagt Stratege Gerry Fowler.
Erneuerbare Energien stünden besonders im Fokus, gestützt durch mehr als zwei Billionen Euro an Investitionen in Stromnetze und saubere Energie. Unternehmen aus dem Bereich Elektrifizierung dürften von unterstützender Regulierung und anhaltenden Infrastrukturausgaben profitieren.
Der Stratege führt Energias de Portugal
$EDP (-0,56 %) als Beispiel an. EDP ist einer der größten Energieversorger in Europa. Mit einem Marktwert von 17,5 Milliarden Euro ist das Unternehmen aktuell das wertvollste portugiesische Unternehmen. Die Aktien notieren derzeit bei 4,24 Euro. Das ist ein Plus von 6 Prozent seit Beginn des Jahres und ein Plus von 50 Prozent im vergangenen Jahr. Und: Laut Analysten ist das Potenzial von EDP damit noch nicht ausgeschöpft. Zehn Experten empfehlen die Aktie zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei etwa 4,6 Euro, einzelne Häuser trauen dem Titel sogar den Anstieg bis in den Bereich von rund 5,9 Euro zu. Die Dividendenrendite des Konzerns liegt bei 4,7 Prozent.
Laut Gerry Fowler von der UBS schaffen derzeit die Rahmenbedingungen neue globale Champions in den Bereichen erneuerbare Energien, Elektrifizierung, Verteidigung und Infrastruktur. Er hob dabei ausdrücklich europäische Titel wie Acciona
$ANA (-0,75 %) und Rexel
$RXL (-0,82 %) als Konzerne hervor, die lokale Vorteile in ein internationales Wachstum umsetzen würden. Ein weiteres Beispiel sei Prysmian $PRY (-1,75 %). Das italienische Unternehmen ist der weltweit größte und erfolgreichste Hersteller für Energie- und Telekommunikationskabel. Die Aktien notieren bei 98,06 Euro und stehen damit seit Jahresbeginn 9 Prozent im Plus.
Während die UBS vor allem die grünen Underdogs ins Rampenlicht rückt, setzen andere Analysten nach wie vor auf große Namen wie Siemens Energy $ENR (-2,52 %), Ørsted $ORSTED (-0,82 %) und Engie (GDF Suez) $ENGI (-1,13 %).
Auch First Solar
$FSLR (-0,65 %) trauen die Analysten nach einem schwachen Start ins neue Jahr, mit einem Minus von 11 Prozent, den Turnaround zu. Der Solar-Riese Produktionskraftwerk für Großanlagen tritt mit einer Marktkapitalisierung von rund 26 Milliarden US-Dollar als Schwergewicht auf. Analysten rechnen mit einem kräftigen Gewinnsprung.
Der Gewinn je Aktie soll von geschätzten 14,61 US-Dollar im vergangenen Jahr auf 23,30 US-Dollar in diesem Jahr steigen. Ein Plus von mehr als 56 Prozent. Treiber sind der hohe Auftragsbestand und neue Produktionskapazitäten, darunter eine geplante 3,7-Gigawatt-Fabrik in den USA, mit der das Unternehmen zusätzliche Nachfrage direkt in Erlöse umwandeln will.
Potenzial sehen die Analysten auch bei Longi Green Energy Technology $601012. Der Konzern aus China ist spezialisiert auf die Herstellung und den Vertrieb von Photovoltaik-Paneelen und Solarenergie-Produkten. Das Unternehmen ist nicht nur im asiatischen Markt tätig, sondern zunehmend auch auf dem globalen Markt präsent.
Quelle Text (Auszug) & Grafik: WELT

