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Warum niemand mit Bitcoin bezahlt - und warum das kein schlechtes Zeichen ist

"Bitcoin ist nutzlos, niemand bezahlt damit!"


Diesen Satz hört man - so oder so ähnlich - relativ oft. Von Kritikern, in Kommentarspalten, manchmal sogar von Leuten, die selbst $BTC (-1,25 %) halten. Und auf den ersten Blick klingt das Argument ja auch logisch:


Wenn Bitcoin Geld sein soll - und dann auch noch das Geld mit den besten Eigenschaften - warum bezahlt dann fast niemand damit?


Die Antwort darauf liefert die Ökonomie, genauer gesagt zwei Gesetze, die seit Jahrhunderten beschreiben, wie Menschen sich verhalten, wenn verschiedene Geldformen nebeneinander existieren.


In meinem Beitrag zu "Was ist eigentlich Geld?" https://getqu.in/XMAb83/ haben wir uns den sog. Konvergenzprozess angeschaut - also den Weg, den ein Gut durchlaufen muss, um zu Geld zu werden: erst Wertspeicher, dann Zahlungsmittel, dann Recheneinheit.


Heute schauen wir uns an, warum diese Reihenfolge zwingend ist, warum Bitcoin aktuell in Phase 1 steckt und welcher Mechanismus den Übergang zu Phase 2 auslöst.


Greshams Gesetz: Schlechtes Geld verdrängt gutes Geld

Das Prinzip ist nach dem englischen Finanzberater Sir Thomas Gresham benannt, der es im 16. Jahrhundert gegenüber Queen Elizabeth I. formulierte. Beobachtet wurde es aber schon in der Antike.

Die Kurzfassung:

Wenn zwei Geldformen gleichzeitig existieren, geben Menschen das schlechte Geld aus und behalten das Gute.


Das klingt erstmal abstrakt, deshalb ein konkretes Beispiel:

Im England des 16. Jahrhunderts mischte König Heinrich VIII. billiges Kupfer in die Silbermünzen. Die Münzen hatten offiziell den gleichen Nennwert, aber die alten, reinen Silbermünzen waren natürlich mehr wert. Was passierte also?

Die Menschen bezahlten mit den neuen, minderwertigen Kupfer-Silber-Münzen und horteten die alten, reinen Silbermünzen. Das gute Geld verschwand aus dem Umlauf.

Genau dieses Prinzip erklärt, warum im Westen kaum jemand mit Bitcoin bezahlt.


Stellt euch vor, ihr habt 100€ und 100€ in Bitcoin. Ihr wollt eine Pizza kaufen. Welches Geld gebt ihr aus?

Den Euro natürlich. Der Euro verliert jedes Jahr an Kaufkraft. Der Euro ist wie ein schmelzender Eiswürfel, den man aus der Hand geben möchte bevor er noch weiter schmilzt.

Bitcoin dagegen ist auf knapp 21 Millionen Einheiten begrenzt. Niemand kann neue Bitcoin "drucken". Die Tendenz über jeden längeren Zeitraum: steigende Kaufkraft. Warum solltet ihr eure Pizza also mit einem Asset bezahlen, das in fünf Jahren womöglich sehr viel mehr wert sein wird, wenn ihr die Pizza auch mit Euro bezahlen könnt, der bis dahin garantiert weniger wert sein wird?

Genau. Würdet ihr nicht. Und das ist Greshams Gesetz in Aktion.


Das Horten von Bitcoin ist also kein Bug - es ist ein Feature.

Es ist der Beweis dafür, dass Menschen Bitcoin als das härtere, bessere Geld wahrnehmen. Denn nur "gutes Geld" wird gehortet. Schlechtes Geld gibt man so schnell wie möglich aus.

Übrigens hat auch Gold in der Geschichte genau dieselbe Phase durchlaufen. Niemand hat jemals freiwillig mit Goldmünzen bezahlt, solange er auch Papierscheine ausgeben konnte. Das Ergebnis kennen wir.


Und damit sind wir auch direkt beim Konvergenzprozess:

Greshams Gesetz erklärt, warum Bitcoin wenig als Transaktionsmittel genutzt wird und stattdessen eher gehortet wird.

Die Zahlungsmittelfunktion kann nicht vor der Wertspeicherfunktion kommen, weil rationale Menschen ein überlegenes Geld zunächst horten, bevor sie damit bezahlen. Das ist kein Fehler im System. Das ist der Prozess.


Aber wenn Bitcoin ewig nur gehortet wird, kann es ja nie zu einem Transaktionsmittel und damit auch nie zu Geld werden, oder? Doch. Und dafür gibt es ebenfalls ein Gesetz.


Thiers' Gesetz: Gutes Geld verdrängt schlechtes Geld

Benannt wurde es vom Ökonomen Peter Bernholz zu Ehren des französischen Politikers Adolphe Thiers. Es beschreibt die Umkehrung von Greshams Gesetz:


Wenn das schlechte Geld so schlecht wird, dass die Menschen das Vertrauen komplett verlieren, dreht sich das Spiel um. Dann verdrängt das gute Geld das Schlechte.


Der Kipppunkt ist erreicht, wenn Händler und Verkäufer das schlechte Geld nicht mehr akzeptieren wollen - egal, was der Staat vorschreibt. In der Weimarer Republik 1923 weigerten sich Bauern, ihre Lebensmittel für wertlose Reichsmark zu verkaufen. In Zimbabwe 2009 akzeptierte praktisch niemand mehr den Zimbabwe-Dollar - die Wirtschaft stellte auf US-Dollar und Tauschhandel um. Das waren Momente, in denen Thiers' Gesetz Greshams Gesetz ablöste.


Im Kontext des Konvergenzprozesses beschreibt Thiers' Gesetz den Trigger für den Übergang von Phase 1 (Wertspeicher) zu Phase 2 (Zahlungsmittel). Wenn Fiatwährungen so schlecht werden, dass es nicht mehr als Zahlungsmittel taugt, füllt das härtere Geld diese Lücke.

Und genau das passiert heute - nicht in Europa, aber in vielen Teilen der Welt.


Ein Blick in den globalen Süden

Während wir in Deutschland Bitcoin primär als Investment betrachten und es sich bis auf Investoren relativ wenig Beliebtheit erfreut, kann es in Ländern mit instabilen Währungen bereits eine Art Notwendigkeit sein. Dort geht es nicht einfach nur um "Number go up" - dort geht es darum, die eigene Kaufkraft irgendwie vor dem Zerfall der Landeswährung zu retten und um sich vor autoritären Herrschern zu schützen.

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Quelle: https://www.statista.com/forecasts/1452605/share-of-cryptocurrency-owners-in-selected-countries-worldwide/


Das Muster ist eindeutig: Die Länder mit der höchsten Krypto-Adoption sind fast ausnahmslos Länder mit schwachen Währungen - Türkei (55%), Nigeria (42%), Argentinien (30%)... Die leider oft arme Bevölkerung dort verwendet nicht Bitcoin & Co., weil sie spekulieren wollen. Sie nutzen es gezwungenermaßen, weil ihre Landeswährungen versagen.

Das ist Thiers' Gesetz in Reinform: Dort, wo Fiat versagt, wird Bitcoin nicht mehr nur gehortet, sondern aktiv genutzt. Der Konvergenzprozess läuft in diesen Ländern bereits in Richtung Phase 2.


Der Spieltheoretiker Prof. Rieck beschreibt Bitcoin in seinem Buch "Der Bitcoin-Gelduntergang" als eine "Wette auf den Gelduntergang" des Fiat-Systems. Und er hat damit nicht unrecht. Je schlechter unser Fiat-Geldsystem wird, desto mehr rückt Bitcoin als Alternative in den Vordergrund.


Regierungen haben immer den Anreiz, mehr Geld zu drucken - für Kriege, Krisen, Wahlversprechen. Dieser Anreiz verschwindet nicht. Das bedeutet nicht, dass der Euro morgen kollabiert, aber solange die strukturelle Richtung bestehen bleibt, baut sich der Druck in Richtung Thiers' Gesetz kontinuierlich auf. Es ist weniger eine Frage des Ob als eine Frage des Wann.

Wer heute Bitcoin hält, während er Euro ausgibt, wettet also nicht blind auf den Untergang des Euro. Er handelt nach demselben ökonomischen Prinzip, nach dem Menschen seit Jahrhunderten das härtere Geld behalten und das schwächere ausgeben.


Und was viele nicht sehen: Bitcoin muss für den weiteren Konvergenzprozess gar nichts tun. Bitcoin bleibt einfach Bitcoin. Der Wandel kommt nicht, weil sich Bitcoin verändert. Er kommt, weil sich Fiat verändert.


Fazit

Dass heute kaum jemand mit Bitcoin beim Bäcker bezahlt, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Greshams Gesetz in Aktion - und damit ein Zeichen von Stärke. Wir befinden uns in der Akkumulationsphase eines überlegenen Geldes. Diejenigen, die heute Fiat ausgeben und Bitcoin behalten, handeln ökonomisch völlig rational.

Die Geschichte zeigt uns, was als Nächstes kommt. Sobald das Vertrauen in Fiat-Währungen erodiert - und in weiten Teilen der Welt passiert das bereits - kippt die Dynamik. Dann verdrängt das gute Geld das schlechte. Thiers' Gesetz löst Greshams Gesetz ab. Die Wertspeicher-Phase geht über in die Zahlungsmittel-Phase. Der Konvergenzprozess schreitet voran.


Wie siehts da bei euch aus? Bezahlt ihr manchmal mit Bitcoin, oder seid ihr eher Team "HODL und Fiat ausgeben"?


#bitcoin

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15 Kommentare

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Team „HODL und Fiat ausgeben“ 👍🏽
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Klingt plausibel 👍🏼
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Danke für diesen Beitrag. Immer schön zu sehen, dass es für das eigene Verhalten immer auch einen Namen gibt😄
Ich handele ganz nach Gresham, da das Geld, das ich in Bitcoin stecke mir in 15 Jahren ermöglichen soll zu tun was ich möchte und bis dahin nicht entwertet werden soll.
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“Von Kritikern, in Kommentarspalten, manchmal sogar von Leuten, die selbst $BTC hatten”
- man hätte mich ruhig namentlich erwähnen können. 😂

für Menschen die vor 2020 BTC kennengelernt habe, war es eines der Hauptnarrative.
https://www.youtube.com/watch?v=Ci7TyD8jETY

Wenn BTC ein genutztes Zahlungsmittel wäre, dann würden die Bitcoiner es die ganze Zeit betonen und als Beweis für überlegenes Geld heranziehen.
Aber wenn BTC nicht für Zahlungen genutzt wird, dann gebt ihr der Sache einfach einen positiven Spin und schon sieht es so aus, als ob es überhaupt kein Problem ist.
Eine These, die nicht falsifizierbar ist, ist keine These.

Bitcoin wird nie Wertstabil sein, weil Gold es auch nie geworden ist, darum wird es auch nie Zahlungsmittel sein.
Beides sind spekulative Assets, denen von der Gesellschaft bestimmte Eigenschaften zugesprochen werden, und diese können sich ändern.

Mal schauen eventuell wird BTC, mal ein Savehaven-Asset oder ein High-Beta-Asset oder es wird auf dem Friedhof der guten Ideen enden… wird werden sehen.

😘
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Also der limitierte Bestand alleine begründet keine wachsende Kaufkraft, oder? Es braucht schon auch noch das wachsende Vertrauen + den limitierten Bestand, damit der Wert zunimmt. Ansonsten sind halt 100 BTC heute so viel Wert wie eine Pizza und in 100 Jahren ebenso. Der Vorteil wäre hier Kaufbestandskraft. Nicht Kaufkraftsteigerung.
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Ich mache beides. Natürlich vorwiegend Fiat ausgeben ist ja noch logisch zur Zeit, Aber ich habe mit zB. Meine Bitbox mit Bitcoin gekauft und schon 1-2 Rewe Gutscheine in der Strike App gekauft. Aber ehr um zu testen ob das funktioniert.
Bei der BitBox war es einfach cool. Mit BTC Bezahlen, damit ich meine BTC verwahren kann.
Das machte irgendwie Sinn, aber ich akkumuliere natürlich mit einem täglichen Mini-Sparplan weiter.

Carsten
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Deine Theorie hat einen Schönheitsmakel: der Pizzaverkäufer akzeptiert keinen Bitcoin - weder in Deutschland noch in Nigeria. 🤷🏼‍♂️
Aber Hauptsache du hast Freude an deinen Bitcoins.
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@Dividenden-Penner also in Berlin gibt es schon einige kleine Läden (Eis-Dielen, Cafés, und kleines Kunsthandwerk,) wo man mit $BTC per Lightning bezahlen kann. Und so wie ich das empfinde, wird das auch angenommen.
Auch mein Rewe Guthaben, was ich zum testen gekauft habe, hat ohne Probleme Funktioniert.
Ja du hast erst, es steckt in den Kinderschuhen. Aber es kommt nach und nach
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@Dividenden-Penner komisch, ich kann aber bei Lieferando mit Bitcoin zahlen🤨
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Ich habe meine Bitcoin verkauft, da für mich immer klarer wurde, dass es ein reines Spekulationsobjekt ist. Kein Geld und kein Gold.
Wenn Du die Menschen in Ländern mit schwacher Währung vor die Wahl stellen würdest, ob sie statt ihrer Währung lieber Bitcoin oder Gold haben wollen, glaube ich nicht, dass sie sich auf jeden Fall für Bitcoin entscheiden würden. Es ist halt nur einfacher zu handeln.
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@Olli68 wobei Gold auch zu 80% Spekulation ist. 😅
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@TotallyLost Jetzt müssten wir die Beziehung von Vertrauen und Spekulation zueinander klären. Aber das wäre sicher Philosophie. 😉
Für die einen ist Gold halt Spekulation, für die anderen das vertrauenvollste Asset.
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PS: Ist sicherlich auch eine Generationenfrage. Ich bin halt etwas älter und deshalb Gold. Hat halt eine Historie. Das kann Bitcoin natürlich noch nicht haben.
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@Olli68 Naja vollstes Vertrauen in Gold habe ich auch nicht mehr. Ich wage stark zu bezweifeln, dass alle ETC und andere Derivaten zu 100% in physischem Gold gedeckt sind.
Folglich ist es auch nur eine Hoffnung, dass es so kommt, wie alle immer versprechen.

ICh vermute, es ist deutlich mehr Kapital in Gold oder Gold Versprechen angelegt, als jemals aus der Erde geholt werden kann.

Aber das ist nur meine kleine Meinung
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@Carsten1970 Sind sie ja auch nicht. Das weiss aber jeder. Das kann man ja einfach im Fondssheet entsprechend nachlesen.
Mir geht es aber eher um das Gold an sich, die physische Unze sozusagen.

PS: Wir vergleichen ja das Gold und den Bitcoin, nicht die Zertifikate, ETCs, ETFs etc. darauf.
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