1Std.·

+++ Warum ich aktuell meine NGT-Exposition nicht erhöhe +++

Ich bin nach wie vor von meiner Engpass-These bei Next-Gen Technologies (NGT) überzeugt. Der Ausbau der KI-Infrastruktur stößt auf reale Bottlenecks, bei Speicher, Photonics, Stromversorgung, Kühlung, Packaging, Materialien und anderen Bereichen.


An dieser technologischen These hat sich für mich nichts Grundsätzliches geändert. Geändert hat sich etwas anderes: das Umfeld, in dem sie sich entfalten muss.


Der massive Ausbau der KI-Infrastruktur benötigt enorme Mengen Kapital. Hyperscaler und andere Unternehmen finanzieren immer größere Investitionsprogramme und konkurrieren damit am Kapitalmarkt um Geld.


Gleichzeitig benötigt auch der amerikanische Staat immer mehr Kapital. Eine hohe und weiter steigende Staatsverschuldung trifft damit auf einen zusätzlichen enormen Finanzierungsbedarf der Privatwirtschaft.


Daraus kann ein unangenehmer Kreislauf entstehen: Eine hohe Kapitalnachfrage kann die Renditen am Anleihemarkt hoch halten oder weiter nach oben treiben. Damit verteuert sich die Finanzierung: für den Staat ebenso wie für Unternehmen. Und je höher der Diskontierungszins, desto weniger sind weit in der Zukunft liegende Unternehmensgewinne heute wert. Gerade Wachstumsaktien reagieren darauf empfindlich.


Hinzu kommt die Inflation. Sollte sie durch hohe Staatsausgaben, Zölle oder andere politische Maßnahmen hartnäckig bleiben oder wieder steigen, verringert sich der Spielraum der Notenbank für niedrigere Zinsen. Im ungünstigen Fall könnten irgendwann sogar wieder höhere Leitzinsen notwendig werden.


Das Interessante daran: Die KI-Story kann fundamental vollkommen intakt bleiben und KI-Aktien können trotzdem unter Druck geraten. Nicht weil KI nicht funktioniert. Oder weil die Nachfrage fehlt. Oder weil die Engpässe verschwinden.


Sondern weil Kapital teurer wird, Investitionen schwieriger zu finanzieren sind und zukünftige Gewinne niedriger bewertet werden.


Und dann ist da noch ein zweiter Risikofaktor, den ich nicht voll auf dem Radar hatte: die Wirtschafts- und Geopolitik der US-Regierung.


Zölle, die kurzfristig verhängt, verändert oder wieder zurückgenommen werden. Personalentscheidungen bei Notenbank und Behörden, die politische Unabhängigkeit infrage stellen. Eine Außenpolitik, die Verbündete verunsichert und Lieferketten zur Verhandlungsmasse macht. Das ist für mich keine normale politische Unsicherheit mehr, wie es sie immer gibt. Das ist unberechenbares und riskantes Agieren mit direkter Wirkung auf Kapitalkosten, Lieferketten und Planbarkeit – und ich habe keinerlei Einfluss darauf.


Das bringt mich zu Aschenbrenner. Sein Situational Awareness-Fonds ist auch deshalb ins Trudeln geraten, weil er mit Hebel auf seine KI-These gesetzt hat. Ein selbstgewähltes, selbstgemachtes Risiko.


Mein Risiko ist ein anderes. Ich nutze keinen Hebel. Aber ich sitze mit einer für meine Verhältnisse größeren NGT-Position in einem Markt, dessen Bewertungsrahmen von einer Regierung mitbestimmt wird, die ich weder wählen noch kontrollieren noch verlässlich einschätzen kann. Das ist keine Fehlentscheidung, die ich korrigieren kann: das ist Ohnmacht, mit der ich umgehen muss.


Für mein privates Gesamtportfolio bedeutet das: Ich erhöhe meine NGT-Exposition vorerst nicht weiter. Neues Kapital fließt nun stärker in defensivere und diversifizierende Anlagen (z. B. iShares STOXX Global Select Dividend 100 $ISPA (+0,64 %)). Bei einigen schwächeren bzw. riskanteren NGT-Positionen reduziere ich zudem etwas.


Das ist kein Ende meiner NGT-Strategie und schon gar kein Ende meiner KI-These. Es ist Risikomanagement gegen ein Risiko, das ich nicht wegdenken kann, nur weil es mir nicht gefällt.


Für meine ScaleLimits-wikifolios ändert sich an der grundsätzlichen Strategie nichts. Die Engpass-These ist weiterhin intakt, und ich werde die Portfolios weiter aktiv nach meiner NGT-Systematik managen inklusive Rebalancing, Cluster-Pflege und Positionsauswahl. Ein "Rückzug" wäre das Gegenteil von aktivem Management. Genau deshalb bleibe ich engagiert und beobachte das Umfeld genau, statt einfach abzuwarten.


Denn für mich gilt weiterhin: Eine gute Investmentthese muss man nicht aufgeben, nur weil das Umfeld schlechter geworden ist. Aber man sollte auch nicht so tun, als hätte sich das Risiko nicht verändert. Und man sollte ehrlich benennen, woher dieses Risiko kommt.


Macht euch das auch Sorgen?

attachment

#dibs
#scalelimits
#wikifolio

7
2 Kommentare

Profilbild
Nein, ich sehe das wie du und mache mir keine nachhaltigen Sorgen. Wie du schreibst: Die Bottlenecks sind bzw werden real (bleiben), die These bleibt bestehen.
Profilbild
Ja, das sind genau die Gründe, die mir auch Sorgen machen. Zusätzlich zu den immer kreativer werdenden Buchhaltungen der Hyperscaler.
Aber ich habe den Hedge die letzten Wochen eher in Gold und Goldminen gesucht statt in Dividendentiteln.
Werde Teil der Community