Ihr alle kennt wahrscheinlich den 4-Jahres-Zyklus von $BTC (-0,79 %).
Das Narrativ geht so: Alle vier Jahre findet das Halving statt, darauf folgt ein Bullenmarkt mit einer Preisblase, dann ein Crash, dann eine Akkumulationsphase - und dann beginnt das Ganze von vorne.
Halving -> Blase -> Crash -> Akkumulation -> Repeat
Über die genauen Gründe dieses Zyklus hat die Community bisher immer gestritten. Die meisten denken, dass es mit dem Bitcoin Halving alle 4 Jahre zusammenhängt. Einige gehen aber auch davon aus, dass es mit der Marktliquidität zusammenhängt, die sich auch ein wenig in einem 4-Jahres-Zyklus bewegt. Zusätzlich ist die Wahl des US-Präsidenten alle 4 Jahre, was meist bedeutet, dass investiert und Geld gedruckt wird.
Das könnte alles eine Rolle spielen. Ich gehe davon aus, dass vor allem auch die Psychologie des Menschen mit reinspielt. Wenn sich alle am 4-Jahres-Zyklus orientieren und danach handeln, könnte es zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung werden.
Aber was, wenn der 4-Jahres-Zyklus in Wirklichkeit nie existiert hat?
Ich bin auf eine spannende Theorie gestoßen, die ich euch heute vorstellen möchte. Sie stammt von Dr. Stephen Perrenod - einem Astrophysiker und Mathematiker, der sich intensiv mit den mathematischen Gesetzmäßigkeiten hinter Bitcoin beschäftigt. Ob er letztlich recht behält, wird die Zukunft zeigen, aber die Argumentation ist durchaus spannend und die möchte ich euch nicht vorenthalten.
Wo der 4-Jahres-Zyklus Schwächen zeigt
Schauen wir uns zuerst mal die bisherigen großen Bitcoin-Blasen an:
- 2011 - Bitcoin stieg von ca. 1$ auf 31$
- 2013 - Bitcoin stieg auf ca. 1.100$
- 2017 - Bitcoin stieg auf ca. 20.000$
- 2021 - Bitcoin stieg auf ca. 69.000$
Perrenod weist hierbei auf ein Problem hin, das tatsächlich schwer von der Hand zu weisen ist:
Der 4-Jahres-Zyklus ignoriert die Blase von 2011 komplett. Von der Entstehung Bitcoins Anfang 2009 bis zur Blase 2011 vergingen nur ca. 2,5 Jahre - nicht vier. Die Blase von 2011 wird in der 4-Jahres-Zyklus-Theorie als "frühes Ausreißer-Ereignis" abgetan. Allerdings war die 2011er-Blase genauso signifikant wie die in 2013 und 2017.
Und dann haben wir 2025 - das Jahr, in dem der 4-Jahres-Zyklus eine große Blase vorhergesagt hätte. Das Halving war 2024, also müsste 2025 doch das große Jahr sein...
Zwar gab es im Oktober mit knapp 126.000 Dollar ein neues Allzeithoch, aber es war weit entfernt von dem was alle erwartet hatten. Es gab keine Blasenbildung, es gab kein Retail Interesse. Es gab einen kurzen Anstieg gefolgt von einem 30%igen Aberkauf.
Die Jahresperformance war mit circa -7% in Dollar gemessen sogar leicht negativ. Das durchbrach auch das bekannte Ampel-Pattern bei Bitcoin 🟢🟢🟢🔴 (3 Jahre positiv, 1 Jahr negativ).
Man könnte also argumentieren, dass der 4-Jahres-Zyklus bei 5 möglichen Datenpunkten mindestens 2 Mal nicht funktioniert hat:
2011 passt nicht rein und 2025 genauso wenig.
Perrenods Theorie: Blasen folgen logarithmischen Abständen
Zum Bitcoin Power Law hatte ich in der Vergangenheit ja schon mal einen Post geschrieben. Kurz zusammengefasst besagt das Power Law, dass Bitcoins Preis nicht exponentiell wächst (wie z.B. Aktien), sondern einem Potenzgesetz folgt, bei dem der Preis ungefähr mit der 5,7ten Potenz des Netzwerkalters steigt.
Der Grund dafür liegt in Bitcoins Natur als Netzwerk:
Der Wert steigt überproportional mit jedem neuen Teilnehmer (Metcalfe's Law)
Perrenod baut seine Theorie auf diesem Power Law auf und zieht daraus eine interessante Schlussfolgerung:
Wenn Bitcoin einem Power Law folgt, dann ist das Verhalten skalenunabhängig.
Das bedeutet:
Verdoppelt sich das Alter des Netzwerks, steigt der Wert des Netzwerks um einen bestimmten Faktor. Für den nächsten Anstieg um denselben Faktor muss sich das Alter erneut verdoppeln: von 2 auf 4 Jahre, dann von 4 auf 8, dann von 8 auf 16 Jahre usw.
Daraus folgert Perrenod, dass auch die großen Preisblasen immer weiter auseinander liegen sollten - nicht in festen 4-Jahres-Intervallen, sondern in Intervallen, die sich ungefähr verdoppeln.
Um das zu überprüfen, hat er die Bitcoin-Preisdaten nach Entfernung des Power-Law-Trends mit einer Fourier-Analyse (einem mathematischen Verfahren zur Erkennung von wiederkehrenden Mustern) untersucht.
Das Ergebnis: ein log-periodischer Abstandsparameter Lambda von 2,07.
-> Der zeitliche Abstand zwischen den großen Blasen verdoppelt sich laut Perrenods Analyse ungefähr jedes Mal.
Schauen wir uns das an:
Blase -> 2011; Bitcoins Alter ca. 2,5 Jahre
Blase -> 2013: Bitcoins Alter ca. 4,9 Jahre; Abstand zur vorherigen Blase: ~2,4 Jahre
Blase -> 2017: Bitcoins Alter ca. 9 Jahre; Abstand zur vorherigen Blase: ~4,1 Jahre
Blase -> 2027?: Bitcoins Alter ca. 18,4 Jahre; Abstand zur vorherigen Blase: ~9,4 Jahre
Das Muster ist tatsächlich auffällig: 2,4 -> 4,1 -> 9,4 Jahre.
Perrenod argumentiert, dass das kein Zufall ist, sondern eine mathematische Gesetzmäßigkeit, die in der Physik unter dem Begriff "diskrete Skalenunabhängigkeit" bekannt ist. Man findet dieses Verhalten bei Erdbeben, bei Flüssigkeitsturbulenzen und sogar bei der Struktur von Spiralgalaxien - überall dort liegt der Lambda-Parameter ebenfalls im Bereich um 2.
Der Physiker Giovanni Santostasi hat bereits 2019 - also vor über 6 Jahren - mit einem ähnlichen Modell vorhergesagt, dass der nächste große Peak erst Ende 2026 / Anfang 2027 kommen würde. Und seine Vorhersage, dass 2025 keine Blase bringen würde, hat sich bestätigt:

Aber was war dann 2021?
Wenn laut Perrenods Modell die fundamentalen Blasen 2011, 2013, 2017 und dann erst wieder ~2027 sind - was war dann die Blase 2021?
Seine Erklärung: eine sogenannte "erste Harmonische" - vergleichbar mit einem Oberton in der Musik. Wer ein Instrument spielt, kennt das: Es gibt den Grundton und dazu Obertöne, die zwischen den Grundtönen auftreten. Genauso gäbe es laut diesem Modell bei Bitcoins Blasen einen fundamentalen Modus (die großen Blasen) und dazwischen kleinere harmonische Schwingungen.
Der Abstand der Harmonischen entspricht der Quadratwurzel von Lambda (√2,07 ≈ 1,44). Multipliziert man das Alter der 2017er-Blase (8,95 Jahre) mit 1,44, kommt man auf 12,89 Jahre - was ziemlich genau Ende 2021 entspricht.
Falls das stimmt, würde es auch erklären, warum die 2021er-Blase für viele "irgendwie anders" oder "abgeschwächt" wirkte - sie wäre demnach keine fundamentale Blase gewesen, sondern eine Oberschwingung mit geringerer Energie.

Auf dem Bild kann man die fundamentalen Peaks (rot) und die harmonischen Zwischenschwingungen (blau) sehen.
Was, wenn man beide Modelle miteinander vergleicht?:

Zumindest historisch betrachtet scheint das log-periodische Modell alle fünf Datenpunkte erklären zu können - der 4-Jahres-Zyklus hat bei zweien Probleme.
Laut Perrenod ist auch der durchschnittliche zeitliche Vorhersagefehler beim log-periodischen Modell mit ca. einem halben Jahr deutlich besser als beim 4-Jahres-Modell mit über einem Jahr.
Falls Perrenod recht behält,
wäre der nächste fundamentale Peak irgendwann zwischen Q4 2026 und Q2 2027 zu erwarten. Aber: Die Blasen werden relativ zum Trend laut diesem Modell immer kleiner. Es könnte also sein, dass der nächste "Peak" weniger dramatisch ausfällt als in der Vergangenheit.
Fazit
Ob der 4-Jahres-Zyklus tatsächlich nie existiert, kann man zum jetzigen Zeitpunkt natürlich nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Die Datenbasis ist mit nur einer Handvoll großer Blasen noch dünn - sowohl für den 4-Jahres-Zyklus als auch für das log-periodische Modell.
Was man aber festhalten kann: Perrenods Theorie liefert eine schlüssige, mathematisch fundierte Erklärung dafür, warum 2025 keine Blase gebracht hat - und warum das auch gar nicht zu erwarten war. Die Argumentation, dass Blasen logarithmisch und nicht linear verteilt sind, ist in sich konsistent und basiert auf Gesetzmäßigkeiten, die man in vielen Systemen in der Natur beobachten kann.
Aber wie es immer ist: Modelle funktionieren genau so lange bis sie es nicht mehr tun.
Ich finde Perrenods Theorie spannend, würde sie aber auch nicht überbewerten. Falls es 2027 aber wirklich wieder eine Übertreibung nach oben geben sollte, könnte man argumentieren, dass er Recht hat und der 4-Jahres-Zyklus widerlegt ist. Ich würde sagen: Lassen wir uns mal überraschen. Die Theorie liefert wenigstens wieder ein bisschen Hopium in der schlechten Marktlage :D
Den Originalartikel zur Theorie findet ihr hier:
https://stephenperrenod.substack.com/p/why-is-there-no-bitcoin-bubble-in
Was haltet ihr davon?
Grüße✌️

