
Das geplante Assoziierungsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) zielt darauf ab, eine der größten Freihandelszonen der Welt zu schaffen. Für Brasilien als die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas bietet dieses Abkommen nicht nur kurzfristige Handelseffekte, sondern auch langfristige strategische Chancen zur Modernisierung und Diversifizierung seiner Wirtschaft.
Der offensichtlichste Vorteil für Brasilien liegt im Abbau von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen. Die EU ist einer der wichtigsten Handelspartner Brasiliens.
Zollbefreiung: Das Abkommen sieht vor, Zölle auf über 90 % der gehandelten Waren über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren abzubauen.
Wettbewerbsvorteile im Agrarsektor: Brasilien ist ein Agrargigant. Das Abkommen würde den Zugang zum lukrativen europäischen Markt für brasilianische Schlüsselprodukte erheblich verbessern:
Sofortige Zollfreiheit: Für Produkte wie Orangensaft, Instantkaffee und Früchte.
Verbesserte Quoten: Für sensible Produkte wie Rindfleisch, Geflügel, Zucker und Ethanol werden signifikante zollfreie oder zollreduzierte Quoten eingerichtet.
Wegfall von Exportkosten: Durch den Wegfall der Zölle werden brasilianische Produkte in Europa preislich wettbewerbsfähiger gegenüber Konkurrenten aus anderen Regionen.
Re-Industrialisierung und Zugang zu Technologie
Ein oft übersehener, aber entscheidender Vorteil für Brasilien ist der günstigere Import von Gütern, die für die eigene industrielle Basis notwendig sind.
Günstigere Vorprodukte: Brasilien importiert Maschinen, Chemikalien, pharmazeutische Produkte und Fahrzeuge teils aus der EU. Der Wegfall von Zöllen auf diese Importe senkt die Produktionskosten für die brasilianische Industrie.
Technologietransfer: Der erleichterte Zugang zu europäischer Hochtechnologie und Maschinenbau kann die Produktivität der brasilianischen Wirtschaft steigern und eine Modernisierung (Re-Industrialisierung) vorantreiben.
Einbindung in globale Wertschöpfungsketten: Durch harmonisierte Standards wird es für brasilianische Firmen einfacher, Teile und Dienstleistungen in globale Lieferketten einzuspeisen.
Anstieg ausländischer Direktinvestitionen (FDI)
Das Abkommen geht weit über den reinen Warenhandel hinaus und umfasst Dienstleistungen, öffentliches Beschaffungswesen und Investitionsschutz.
Rechtssicherheit: Das Abkommen schafft einen stabilen rechtlichen Rahmen. Dies reduziert das Risiko für europäische Investoren und macht Brasilien attraktiver für langfristiges Kapital.
Infrastruktur und Dienstleistungen: Europäische Firmen könnten verstärkt in brasilianische Infrastrukturprojekte (Energie, Transport, Telekommunikation) investieren, was die Modernisierung des Landes beschleunigt.
Dienstleistungssektor: Der Zugang zum brasilianischen Dienstleistungsmarkt (z. B. maritime Dienstleistungen, Finanzen) wird geöffnet, was durch Wettbewerb die Effizienz in Brasilien steigern kann.
Für Brasilien stellt das Mercosur-EU-Abkommen einen historischen Hebel dar, um die Wirtschaft aus der "Rohstofffalle" zu befreien. Während der Agrarsektor die unmittelbarsten Gewinne verzeichnen würde, liegen die langfristigen Vorteile in der Senkung der Produktionskosten für die Industrie, dem Zufluss von Investitionskapital und der geopolitischen Risikostreuung.
Es bietet die Chance, die brasilianische Wirtschaft wettbewerbsfähiger, produktiver und stärker in den westlichen Wirtschaftsraum integriert zu gestalten.

