Brasiliens Flugzeugbauer Embraer sieht noch viel Verkaufspotenzial für seinen Militärtransporter KC-390. Besonders im Fokus steht Europa – für dessen Belieferung den Brasilianern eine Endmontagelinie in Polen vorschwebt. Ein Angebot, das Polen nicht ablehnen kann?
In Portugal, Ungarn, Österreich, den Niederlanden, Tschechien, der Slowakei und Schweden hat Embraer es schon geschafft: Diese europäischen Nationen werden künftig KC-390 fliegen, in Portugal und Ungarn steht der Zweistrahler sogar schon im Dienst. Während Ungarn erstmals ein Transportflugzeug dieser Größenordnung kaufte, ersetzt die KC-390 bei den Portugiesen die alten Lockheed C-130 Hercules. Auch die Niederlande, Österreich und Schweden beschaffen den brasilianischen Entwurf als Hercules-Nachfolger.
Ein Ersatz für die C-130 steht ebenfalls in Polen zur Debatte – wenngleich die polnische Luftwaffe 2022 immerhin die erste von geplant fünf gebrauchten C-130H der US Air Force erhielt, die zuvor jahrelang auf dem Flugzeugfriedhof Davis-Monthan eingelagert waren. Das gesamte Quintett ist Baujahr 1985 und soll die noch älteren C-130E beerben, die bereits 1970 aus der Werkshalle rollten. Ein wirklich zukunftsweisendes Geschäft ist das aber nicht – weswegen Embraer der polnischen Regierung offiziell die KC-390 als Langfristlösung offeriert.
Polen "der perfekte Standort"
Frederico Lemos, Verkaufschef der Embraer-Rüstungssparte, stellt für Polen in dem Zusammenhang noch ein besonderes Bonbon in Aussicht: "Polen ist für uns nicht bloß ein möglicher Kunde, sondern ein echter operativer und industrieller Langzeitpartner und der perfekte Standort für die europäische Montagelinie, die wir entwickeln möchten." Sollte Warschau sich also für die KC-390 entscheiden, könnten irgendwann sämtliche für europäische Staaten bestimmten Embraer-Transporter in Polen endmontiert werden – die Maschinen fürs eigene Militär natürlich inklusive.
600 neue Arbeitsplätze?
Für die Regierung des strebsamen NATO-Partners, der aktuell vier Prozent seines jährlichen Bruttoinlandsprodukts ins Militär fließen lässt, wäre das sicher ein Argument, an dem sie nicht ohne Weiteres vorbeikommt. Zumal die Brasilianer ihr Angebot auch mit konkreten Schätzungen anfüttern: "Die Flugzeugmontage und das damit verbundene Aftermarket-System einschließlich Wartung und Schulung könnten zu einer Wertschöpfung von fast einer Milliarde US-Dollar und 600 neuen Arbeitsplätzen führen", rechnet Embraer vor.
Aus Polen gibt es bis dato noch keine Antwort auf die Offerte. Der Vorstoß zeigt aber, dass Embraer seine Hausaufgaben gemacht hat – und sein Produkt mit gewachsenem Selbstbewusstsein weiter offensiv als Alternative zur neuesten Hercules-Version C-130J in Position bringt.